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Der erste Beitrag aus dem Osten und direkt ein furchtbar langer Beitrag; wer sich die Mühe macht, dem sei gedankt; genauso willkommen sind Diskussionsanstöße; jetzt aber los: In der aktuellen Ausgabe des Magazins n+1 kann man eine Rezension zu Joseph Norths in diesem Jahr erschienenen Buch Literary Criticism. A Concise Political History lesen. Rezensent ist eines der Gründungsmitglieder des Magazins, Marco Roth. Ich kenne das Buch von North nicht, allerdings hat mir die Rezension genügend viele Ansatzpunkte gegeben, um erstens mein Unbehagen am gegenwärtigen Zustand der Literaturwissenschaft zu formulieren; zweitens, so glaube ich, wäre eine Wissenschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft zu schreiben, die in Anknüpfung an North versucht, die Situation für Deutschland zu klären; drittens, und das scheint mir eine dringende Frage für die Zukunft der Literaturwissenschaft, die sich aus den beiden vorangegangenen Punkten ergibt, wie soll das Verhältnis zwischen Forschung und Lehre zukünftig gestaltet werden. [Ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass es die Literaturwissenschaft nicht gibt, zu unterschiedlich sind die jeweilige Disziplingeschichten; allerdings, so wäre zumindest meine Überlegung, bewegt sich die Literaturwissenschaft, und zwar unabhängig ob sie anglistisch, romanistisch, komparatistisch oder germanistisch ist, immer weiter weg von ihrem namensgebenden Objektbereich, der Literatur, hin zu einer nur vage begriffenen Form von Kulturwissenschaft. Das ist soweit nichts Neues, vielmehr beabsichtigte Weiterentwicklung im Rahmen wissenschaftlicher Praxis. Eine solche Entwicklung muss aber nicht zwangsläufig für gut befunden werden und schon gar nicht als unabänderlich oder gelungen. Sofern ich also im Folgenden über Literaturwissenschaft schreibe, so sollte klar sein, dass es sich um eine Abstraktion handelt, die mir gleichwohl gerechtfertigt erscheint, da es um allgemeine Tendenzen gehen soll; Einzelfälle gibt es immer.]

Mein Unbehagen: Ich lehre gerne, der Umgang mit Studierenden macht Spaß und immer mal wieder hat man das Erfolgserlebnis, jemandem etwas beigebracht zu haben. Dabei kann ich mich aber, ähnlich wie viele meiner KollegInnen nicht des Eindrucks erwehren, dass immer mehr Studierende ein Fach wie Literaturwissenschaft wählen, ohne die entsprechenden Voraussetzungen auch nur ansatzweise zu erfüllen. Ungenaues Lesen, mangelndes Interesse, fehlende argumentative Fähigkeiten sowohl mündlich als auch schriftlich sind Merkmale eines Großteils der Studierenden. [Über die Gründe ließe sich trefflich diskutieren und natürlich habe ich auch ein bis zwölf Gedanken dazu, aber hier ist jetzt nicht der Ort.] Dass es sich so verhält ist Bestandteil jeder Klage mir bekannter LiteraturwissenschaftlerInnen, die auch in die Lehre eingebunden sind. Das führt dazu, dass in den ersten paar Semestern (etwa bis zum vierten) versucht werden muss, diese Defizite zu beheben. Wirklich rausschmeißen kann man die Studierenden nicht, da die Abschlusszahlen die kommende Budgetzuweisung bedingen. Also schleppt man einen Großteil ungeeigneter Studierende durch das Studium, mit mittelmäßigen Abschlüssen werden diese dann dem Arbeitsmarkt zu Verfügung gestellt. Sofern die Uni ihren Job gemacht hat, wurden den Abgängern wenigstens soft skills vermittelt, d.h. die Präsentation und Aufbereitung von Inhalten unter einer spezifischen Fragestellung. [Hoffentlich handelt es sich dabei wirklich um skills, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden, sonst hat man schnell Lebens- und Arbeitszeit verschwendet.] Eine besonders unschöne Folge ist Noteninflation, da niemand nicht den Abschluss machen soll, orientiert sich die Bewertung von Aufgaben und Hausarbeiten – bewusst oder unbewusst – immer auch an dem oben skizzierten Zusammenhang von Abschluss und Geld. Diese Noteninflation betrifft allerdings nicht mehr nur die B.A.- oder M.A.-Phase, sondern auch die Promotionen (dazu aber später mehr wenn es um Forschung geht). Wie soll die Lehre diesen Problemen begegnen? Kann sie das überhaupt? Und wer bestreitet eigentlich diese Lehre? Alles interessante Fragen, die verdienen beantwortet zu werden. Zuerst die mittlere Frage: Offenkundig kann sie das nicht, Abschlusszahlen und die vergebenen Noten verschleiern vielmehr einen Zustand der zunehmenden und, wahrscheinlich, sogar abnehmenden Mittelmäßigkeit angesichts einer kaum zu bewältigen Masse an unterqualifizierten Schulabgängern; so kurz, so richtig. Die erste Frage wird, ganz der Mode der Zeit gemäß, mit mehr Digitalisierung beantwortet. Inhalte mögen bitte so aufbereitet werden, dass die Studierenden sie am besten zu Hause vorm Rechner lernen können. Auf diese Weise lernen die Studierenden zwar nicht, wie man mit Literatur umgeht, aber man hält sie beschäftigt. Zugleich scheinen sämtliche dieser Innovationen dazu gemacht, Preise für innovative Lehre auszuloben, aber merkwürdig unangemessen wirken angesichts des Gegenstandes, nämlich der Lehre von Literatur. Es scheint die Auffassung vorzuherrschen, dass es ausreicht, wenn Studierende sich Inhalte selbstständig aneignen. Problematisch an dieser Auffassung ist, dass ohne vorherige Kenntnisse, wie sie eigentlich in der Schule, nun aber an der Universität vermittelt werden sollten, die Inhalte merkwürdig in der Luft hängen, wodurch einer der größten Mängel zum Vorschein kommt: der Mangel an historischem und literaturhistorischem Wissen, etwas was man früher, vielleicht altmodisch, Bildung genannt hat. [Ein kurzer Vorgriff: Bildung, schon gar nicht ästhetische Bildung vermittelt etwa über die Auseinandersetzung mit Literatur (oder Kunst, Musik, etc.), ist kein Ziel der Universität und mir scheint, dass es dafür wissenschaftsgeschichtliche Gründe gibt. Zudem hat mir bislang niemand plausibel erklären können, wie die Aneignung von Informationen, Inhalten o.ä. vonstattengehen soll, wenn man nicht vorher ein Fundament gelegt hat, eine Art Maßstab, der hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.] Mein Punkt ist, Digitalisierung ist keine ausreichende Antwort. Die Antwort auf die letzte Frage lautet zunächst einmal Professoren und Mitarbeiter, wobei man die Arbeit der Professoren dahingehend wohl einschränken darf, dass nicht wenige sich aus den eigentlich anstrengenden Einführungsveranstaltungen und Übungen raushalten. Damit bleibt die ärgerliche Arbeit an den wissenschaftlichen Mitarbeitern hängen, dem Mittelbau, wodurch es zu einer Trennung von Forschung und Lehre kommt, die v.a. deswegen ungerecht ist, dass sich die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihrer Jobs aufgrund von befristeten Verträgen nicht lange erfreuen können und aus demselben Grund aufgefordert sind sich wissenschaftlich weiterzuentwickeln, um irgendwann auf eine der wenigen Professorenstellen zu rücken (was offensichtlich zu keinem Zeitpunkt garantiert werden kann). Dass unter dieser Arbeitsbelastung – zu der noch Verwaltungsaufgaben und Prüfungsleistungen gezählt werden müssen – sowohl Lehre als auch Forschung hinsichtlich der Qualität leiden, dürfte ein langfristiger Effekt sein. Soviel zunächst zum Zustand der Literaturwissenschaft (betrifft höchstwahrscheinlich nicht nur die Literaturwissenschaft), der zunächst einmal hauptsächlich meine Erfahrungen und mein Unbehagen oder meine Unzufriedenheit wiedergibt.

 

In seiner Rezension führt Marco Roth aus, welche Frage North mit seiner ›politischen Geschichte‹ beantworten möchte: »How did literary studies come to turn away from an ›institutional program of aesthetic education‹ and embrace what he terms the ›historicist/contextualist paradigm‹?« Dieses Paradigma bestehe, in aller Kürze, darin, dass die Erzählweisen und unterschiedlichen Gattung aus der Literatur ein besonderes Archiv machen würden, das die Stimmen widerständiger, unterdrückter und marginalisierter Subjekte enthalte. Daraus folge: »Literary study is meant to produce a specific kind of knowledge about, or dialogue between, art and politics, North writes.« Und weiter: »Under the reign of historic-contextualism, literary study has merely become another means to learn about political and economic history.« Hierin liege der Wert von Literatur, und, so darf man wohl folgern, der Wert der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Literatur. Nun kann man fragen, was daran denn so schlimm sei, und grundsätzlich ist daran nichts oder nur sehr wenig bedenklich [auch wenn ich die damit verbundene Degradierung der Literatur zu einem speziellen oder privilegierten Wissensträger nicht mitgehen würde]. Auch könnte man fragen, ob das in dieser Weise auch für die deutsche Literaturwissenschaft Geltung beanspruchen könne [ich glaube nicht; vielleicht innerhalb anglistischer oder amerikanistischer Institute, was ja plausibel wäre]. Allerdings nennt die Rezension kurze Zeit später einen Grund, warum der eingeschlagene Weg womöglich nicht nur Heil bringt, den zumindest ich ernstnehmen würde. Wiederum Roth: »[…] the dominant trend over the past half-century has been toward the production of hybrid critical-scholarly works […] aimed at an increasingly small audience of similarly trained ›professionals in the field‹.« Es gehört zu den Eigentümlichkeiten wissenschaftlicher Publikationsweise, dass sich die eigenen Ergebnisse im Grunde nur an die eigene scientific community richten, niemals an ein Publikum außerhalb der Universität [nicht mal mehr an ein bildungsbürgerliches Publikum]. Und selbst die eigene scientific community stimmt ja nicht, da die theoretische Ausrichtung einer Arbeit darüber entscheidet, ob jemand, der in der Universität wissenschaftlich arbeitet, diese überhaupt wahrnimmt oder wahrzunehmen gewillt ist [allerdings sollte man diesen Punkt auch nicht zu sehr betonen, zeichnen sich gegenwärtig die Publikationen durch eine immer größere Homogenität aus]. Viel ist in den letzten Jahren über eine Legitimationskrise oder ein Legitimationsbedürfnis der Geisteswissenschaften – somit auch der Literaturwissenschaft – geschrieben worden, selten aber habe ich vernommen, dass darauf hingewiesen wurde, wie unlesbar literaturwissenschaftliche Arbeiten sind und wie sehr sie selbst an einem Publikum, das gerne Literatur mit einem großen L liest, vorbeigeschrieben werden. Potentiell steht das Lesen von Literatur jedem offen, nur die Wissenschaft, die sich dem Namen nach damit auseinandersetzt, verweigert sich dieser Öffentlichkeit. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der Organisation des wissenschaftlichen Publizierens. Verlage, die geisteswissenschaftliche Bücher veröffentlichen, arbeiten nämlich nur bedingt auf einen Markt hin; vielmehr hat sich Subventionsmodell durchgesetzt, bei dem die Autoren für die Publikation ihrer Arbeitsergebnisse selbst bezahlen [ob aus eigener Tasche, durch einen Druckkostenzuschuss, gewährt etwa durch eine Stiftung, oder durch Mittel aus einem Drittmittelprojekt ist dabei nur auf individueller Ebene wichtig]. Das stellt aber gerade junge Wissenschaftler vor die ›Herausforderung‹ ihre Dissertation auch als Buch veröffentlichen zu müssen, denn, zumindest ist es an der RUB so, den Titel darf man erst tragen, wenn die Dissertation bei einem Verlag, und – sofern man an einer Karriere in der Wissenschaft interessiert ist – dann auch noch möglichst bei einem guten, d.h. sichtbaren, Verlag angenommen worden ist [Kurze Abschweifung: Mit dem Geld, das man bezahlt, ist aber häufig noch kein Lektorat/Korrektorat abgedeckt, was die Kosten noch einmal steigert und was, vorausgesetzt man hat nicht vorgesorgt, zusätzlich bedacht werden sollte. Dieses Subventionsprinzip könnte darauf hindeuten, dass die Ergebnisse auch gar nicht für eine Öffentlichkeit gedacht sind, die allerdings mit Steuergeldern die Arbeit an Universitäten möglich macht.]

Ich komme auf den Ausgangspunkt dieses Teils zurück. Wenn ich es nicht vollkommen falsch verstanden habe, dann steht das von North/Roth vorgestellte ›historico-contextualist paradigm‹ nicht nur dafür ein, den Wert von Literatur darin zu entdecken, dass Literatur ein Archiv darstellt, aus dem sich politisches und ökonomisches (oder sonst ein) Wissen sowie die damit verbundenen Machtverhältnisse ablesen ließen. Literatur, oder richtiger der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur wird auf diese Weise zugleich politische Relevanz verliehen. In dieser Hinsicht lässt sich die Situation mit der in Deutschland vergleichen, allerdings mit Einschränkungen. Was den literary studies und den Literaturwissenschaften gemeinsam ist, ist die Fixierung auf Wissensformen oder Formen des Wissens oder Figurationen des Wissens oder Poetiken des Wissens oder Poetologien des Wissens sowie damit verbunden die Rede von Konstruktionen und Repräsentationen dieses Wissens. Der Unterschied, ein kleiner, aber durchaus wichtiger, besteht darin, dass ein politisches Element eigentlich, offiziell fehlt. Wissenschaft, und gerade auch die Literaturwissenschaft, ist aus historischen Gründen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg unpolitisch, zumindest ist das der offizielle Tenor. Aber nur ein kurzer Blick auf die Geschichte der Literaturwissenschaft seit WK2 sollte einen eines Besseren belehren. Ob ungewollt (etwa in den Karrieren hochrangiger Nazis) oder gewollt (etwa die aus der Studentenrevolte hervorgegangenen Bemühungen um eine materialistische Literaturwissenschaft), die Literaturwissenschaft war immer irgendwie politisch, und sie ist es auch heute noch, sofern man die spätestens seit den 1980er Jahren einsetzende Rezeption poststrukturalistischer Theorieangebote als irgendwie politisch verstehen will. ›Irgendwie politisch‹, weil die Lektüre von Foucault oder Derrida oder Deleuze/Guattari noch nicht politisch ist, aber man sich vorstellen kann, man machte etwas Politisches. Gegenwärtig trifft man auf Konferenzen nicht selten WissenschaftlerInnen [sowohl Nachwuchs als auch Professoren], die theoretisch avancierte Projekte oder Lesarten von Texten vorlegen und glauben hiermit lasse sich schon Politik betreiben. [Politische Arbeit, etwa die Mitwirkung in einer Partei oder Gewerkschaft, wird aber nahezu immer abgelehnt, und zwar nicht nur weil verständlicherweise häufig die Zeit fehlt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, dass zahlreiche WissenschaftlerInnen der Illusion aufsitzen, ihre symbolischen Gesten hätten Wirkung auf ein Außen. Wer sich für echo chambers interessiert, sollte sich an Universitäten umschauen; Internet braucht kein Mensch dazu.]

Der Ort, an dem es wieder politisch wird, ist die Universität als Institution. Die Umwälzungen, die die Universität in den letzten 25 Jahren durchgemacht hat, wurden immer mal wieder als Installierung neoliberaler Prinzipien beschrieben [und mit Blick auf befristete Verträge, Wettbewerb um Forschungsgelder, Akkreditierungen, bench marks, soft skills etc. lässt sich diese Beschreibung (und die implizite Wertung) kaum bestreiten]. Es wäre eine interessante wissenschaftsgeschichtliche Aufgabe herauszuarbeiten, wie eigentlich das Zusammenspiel aus externer Politik, Bildungspolitik und Hochschulpolitik mit der wissenschaftlichen Entwicklung zusammengehen, inwiefern es vielleicht eine merkwürdige Parallele zwischen der Umwandlung der Literaturwissenschaft in eine Medienkulturwissenschaft, die sich selbst als politisch [was in dem Fall häufig links heißt, sofern links überhaupt noch etwas heißt] versteht, und der Durchsetzung einer zunehmend neoliberaleren Politik gibt. Was beide gemeinsam haben, ist das Leistungsprinzip; kaum verwunderlich, dass Worte wie Exzellenz und Elite in beiden Sphären zuhause sind. Letzteres aber könnte dann ziemlich ernüchternd sein, denn Eliten stehen historisch gemeinsam auf einer Seite und die steht den Machtlosen, den Marginalisierten, den Unterdrückten gegenüber, denen die Sorge um angemessene Formen der Repräsentation solange unverständlich bleibt, wie die Rechnungen unbezahlbar bleiben. Wollte man zynisch sein, man könnte zu dem Schluss kommen, die Universität ist immer noch unpolitisch, zumindest was die Gegenwehr der Angestellten betrifft (und hier wären in erster Linie Professoren in der Pflicht gewesen).

Ein wissenschaftsgeschichtliches Forschungsprogramm könnte demnach in etwa so aussehen: Basierend auf Pierre Bourdieus Feldtheorie könnte man eine historische Rekonstruktion des literaturwissenschaftlichen Feldes nach 1945 anstreben. Bestimmte prominente Figuren (etwa Hans Robert Jauß) und der Versuch des Anschlusses an Positionen, die vor dem 2. Weltkrieg formuliert worden sind und somit politisch unverdächtig waren (etwa die Wiederentdeckung und Rezeption Walter Benjamins) könnten am Anfang einer Entwicklung stehen, die über die Rezeption französischer Theoriekonzepte (natürlich vermittelt über herausragende Forscherpersönlichkeiten) bis in die nahe Gegenwart führt. Unentbehrlich dabei wäre eine parallel verlaufende institutionengeschichtliche Entwicklung der Universität als Bildungsinstitution hin zu einer Ausbildungsanstalt sowie die Nachzeichnung der entsprechenden bildungspolitischen Entscheidungen, die zu dieser Veränderung geführt haben. Im Mittelpunkt stünde damit das Verhältnis von Autonomie des wissenschaftlichen Feldes und Heteronomie der von außen an die Universität und die Wissenschaft herangetragenen Ansprüche. Die Abwertung des Gegenstandes Literatur ist dann eine Folge unterschiedlicher historischer Stränge.

 

Zum dritten und letzten Punkt: Das Verhältnis zwischen Lehre und Forschung ist irgendwie schräg und gefährdet nicht zuletzt die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wenn es zutrifft, dass die Lehre gegenüber der Forschung benachteiligt wird und die Flucht ins Digitale für die Auseinandersetzung mit Literatur nicht sinnvoll ist, dann rückt, so merkwürdig und altmodisch es klingen mag, der Unterricht als Gespräch in den Mittelpunkt. Darüber hinaus verdienten es die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die sich hauptsächlich um die Lehre bemühen, langfristig abgesichert zu sein, d.h. die Abschaffung von befristeten Verträgen wäre eine notwendige Voraussetzung. Natürlich birgt eine solch klare Trennung von Forschung und Lehre die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Fächern, allerdings ginge es wohl eher um eine ausgewogene Gewichtung. Forschung profitiert von der Lehrbefreiung, was aber nicht heißt, dass Forscher niemals lehren sollen. Entscheidend ist, dass Lehre in gleichem Maße von der Forschungsbefreiung profitieren könnte, was wiederum auch nicht heißt, dass Wissenschaftler, die in erster Linie lehren, nicht auch wissenschaftlich publizieren sollen. Beide Möglichkeiten sollten gegeben sein, ohne dass die Leute unter der Arbeitslast zusammenbrechen. Eine solche Stärkung der Lehre, die eine Fokussierung auf Lesen und Schreiben eröffnet, könnte zudem den wünschenswerten Effekt wirklich gebildete Studierende hervorzubringen und damit wäre ein Beitrag zu einer aufgeklärteren Öffentlichkeit erzielt.

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Nachtrag zu PSA 12/09/17

Wenn man, wie ich es unregelmäßig tue, etwas ins Internet schreibt, muss man mit Kritik rechnen. Im Folgenden gehe ich auf eine Kritik ein, die ich auf Facebook erhalten habe. Soviel sei vorweggenommen, ich stimme der Kritik nicht zu, nehme sie vielmehr zum Anlass, um das, was ich gestern geschrieben habe, präziser zu formulieren. Ich halte das für ein richtiges und wichtiges Vorgehen, gerade auch weil sich jemand die Mühe gemacht hat, einen Kommentar zu schreiben (auch wenn ich überzeugt bin, dass die Kritik nicht zutrifft). Zur besseren Transparenz und weil ich selber keinen Facebook-Account habe, werde ich zunächst die Kritik in Gänze zitieren, um dann darauf zu reagieren.

„schlechtes bis gar kein beispiel für systemischen rassismus, sondern alltagsrassismus. systemischer rassismus: keine arbeit, kein wahl- bzw. aufenthaltsrecht, keine stellen an hochschulen, höhere kriminalisierung und systematische ausbeutung der als nicht-deutsch markierten usw. ein „unsympathischer“ alter sack ist kein beispiel dafür.“

Soweit also die Kritik. Interessant an der Kritik ist der pauschale Ton. Während das individuelle Ereignis nicht als Beispiel für systemischen Rassismus gilt, werden Probleme, die ein Kollektiv betreffen, als Beispiele für diese Form des Rassismus angeführt. Denn, und ich entschuldige mich für die Pingeligkeit, systemischer Rassismus ist nicht „keine arbeit“ oder „keine stellen an hochschulen“, vielmehr handelt es sich um die sichtbaren Manifestationen, konkrete Effekte, die systemischer Rassismus hervorbringt, kurz, es handelt sich um Beispiele der Wirkung von systemischem Rassismus, allerdings nur als Abstraktion von den zahlreichen individuellen Erfahrungen, die als nicht-deutsch wahrgenommene Menschen tagtäglich machen. Worauf ich hinauswill (und im gestrigen Post nicht ausreichend oder überhaupt deutlich gemacht habe) ist, dass mir die Trennung von systemischem Rassismus und Alltagsrassismus nicht einleuchtet (womöglich als hypothetische Annahme, aber sonst…). Versucht man weniger definitorisch sorglos zu sein, als ich gestern gewesen bin, könnte man sagen, systemischer Rassismus seien die strukturellen und/oder institutionellen Bedingungen für die Diskriminierung von Nicht-Deutschen, die eben in einem Maßstab erfolgt, so dass Nicht-Deutsche konstant Erfahrungen von Ausweglosigkeit, Bevormundung, Demütigung machen. Rassismus als Wahrnehmungsmuster und Bedingung der Urteilslogik hat sich somit den Strukturen und Institutionen aufgeprägt, die soziale Systeme konstituieren und demnach ubiquitär sind. Dagegen steht, sofern man diese Trennung aufrecht erhalten möchte, die Vorstellung von Alltagsrassismus, die sich wahrscheinlich darin äußern soll, dass Nicht-Deutsche in Alltagssituationen mit Benachteiligung und Diskriminierung konfrontiert werden, wobei es sich, so könnte man es verstehen, nicht um tiefsitzenden, durch Pseudowissenschaft legitimierten Hass handelt. Eher, wobei ich wie gesagt nicht sicher bin, scheint es sich um habituelle Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zu handeln, die in Alltagssituationen aktiviert werden und spezifische Vorurteile abrufen, wobei diese Individuen sich selbst wiederum nicht als Rassisten wahrnehmen.

Folgt man dieser Trennung, dann handelt es sich um verschiedene Phänomene, und hier liegt meiner Ansicht nach der grundlegende Fehler. Denn die Strukturen und die Institutionen werden erst wirksam durch das Handeln von Individuen und diese Individuen handeln gemäß (oder hoffentlich nicht nur in wenigen Fällen entgegen) der Bedingungen, denen sie aufgrund ihrer Position unterworfen sind. Oder sie handeln gemäß ihrer eigenen Vorurteile und werden von den Bedingungen entweder bestärkt oder (wiederum hoffentlich) sanktioniert. Das heißt es gibt ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis zwischen Alltag und System oder eine Verflechtung der beiden Phänomene bis zur Ununterscheidbarkeit, d.h. es ist nicht mehr relevant, wer die Henne ist und wer das Ei. Und hier liegt auch der Grund, warum ich das Verhalten des Arztes als systemischen Rassismus beurteilen würde. Hierbei handelt es sich um einen Mann in einer privilegierten machtvollen Position, die er nicht nur ausstellt, sondern zugleich und unnötigerweise rassistisch färbt. Und zu schlechter Letzt: Als ein Mann in dieser Position genießt er quasi Narrenfreiheit, denn mit Sanktionen wird er (wahrscheinlich) nicht rechnen müssen, und zwar aufgrund seiner systemisch gesicherten Position. Ein allerletzter Punkt: Was Alltags- und systemischem Rassismus darüber hinaus gemeinsam ist (und weswegen eine Trennung höchstens begrifflich sinnvoll sein könnte), ist das Schweigen der anderen, und in diesem Beispiel, mein Schweigen. Solche Strukturen bleiben nur bestehen, wenn man nicht dagegen vorgeht.

PSA 12/09/17

Liest man genügend Zeitungen stellt sich der nicht völlig abzuweisende Eindruck ein, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ein massives Problem mit systemischem Rassismus haben. Als Europäer neigt man dazu, mit dem Finger auf dieses Problem zu zeigen, und natürlich vergisst man auch nicht darauf hinzuweisen, dass die Amerikaner ja auch Trump gewählt hätten. Offensichtlich ist eine solche Perspektive angreifbar; nicht nur wegen der darin enthaltenen Verallgemeinerung, sondern weil es sich bei Europa bzw. einzelnen europäischen Ländern nicht wirklich um Rassismus freie Zonen des Glücks und der gegenseitigen Akzeptanz handelt.

Der Anlass dieses Posts ist demnach auch die unangenehme Erinnerung an den alltäglichen Rassismus in Deutschland und meine eigene mangelnde Zivilcourage oder Geistesgegenwart darauf zu reagieren. Ich hoffe für mich selbst, dass ich zukünftig anders reagieren werde.

Was ist passiert? Ich war heute mit meiner Tochter im Uni-Klinikum Essen in der Orthopädie (Es ist alles gut. Danke der Nachfrage). Wie ich bereits wusste, ist der dortige Chef- oder Oberarzt ein unsympathischer Mensch (beim letzten Mal hat er meine Tochter untersucht und während der Untersuchung war er zu uns auch soweit in Ordnung, allerdings hat er währenddessen seine [zum größten Teil weiblichen Mitarbeiter] unangemessen, um nicht zu sagen beschissen behandelt; daher mein Eindruck, dass es sich um einen unsympathischen Menschen handelt). Als ich heute mit meiner Tochter darauf wartete aufgerufen zu werden, stürmte dieser Mann in Wartebereich und fuhr zwei Frauen an, die mit ihren zwei Babys ebenfalls warteten. Folgendes fiel dem Arzt aus dem Gesicht: „Sie sind zwei Stunden zu spät! Wir sind hier in Deutschland und nicht im Nahen Osten!“, bekamen die beiden Frauen (und alle anderen, die im Wartebereich saßen) zu hören, die, soviel dürfte der aufmerksamen Leserin nicht entgangen sein, erkennbar nicht aus Deutschland stammten und weiter erkennbar muslimischen Glaubens gewesen sind. Selbst wenn man dem Herrn Chef- bzw. Oberarzt zuerkennt, dass Patientinnen nerven, die einen Termin verpassen oder eben deutlich zu spät erscheinen (die Gründe dafür, dass das nervt, sind einleuchtend: Termine werden gemacht, damit ein möglichst reibungsloser Ablauf gegeben ist, wird dieser Ablauf gestört, schlägt sich das auf die gesamte Planung nieder, wodurch andere Patientinnen Nachteile usw. usf); selbst wenn man zuerkennt, dass das wahrscheinlich häufiger passiert, d.h. dass es einen spezifischen Erfahrungshintergrund gibt; und selbst wenn man zuerkennt, dass der Herr Chef- bzw. Oberarzt heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden sein sollte oder ihm beim Morgenschiss eine Ader gerissen ist, nichts davon rechtfertigt eine solche Reaktion, die nicht nur merkwürdig unbeherrscht-autoritär und unprofessionell ist, sondern schlimmer noch rassistisch.

Den Eindruck, den der Mann beim letzten Mal hinterlassen hat, nämlich, dass es sich um einen autoritären, durchaus für ein tyrannisches Arbeitsklima sorgenden alten Sack handelt, hat das heutige Verhalten bestätigt. Hinter verschlossenen Türen ist ein solches Verhalten genauso unangemessen und falsch, aber Patientinnen vor den Augen und Ohren anderer Patientinnen in der Art und Weise anzufahren, verfolgt, neben der Einschüchterung von Menschen, die vielleicht gute Gründe für ihr Zuspätkommen hatten, den Zweck, anderen Patientinnen deutlich machen, dass man ein solches Verhalten nicht tolerieren werde. Es geht schlicht darum ein Zeichen zu setzen, und zwar das Zeichen, dass man sich hier an Regeln zu halten habe, und zwar an seine (ich vermute mal, dass Mitarbeiter ähnlich rundgemacht werden, und zwar vor ihren Kollegen und Kolleginnen). Es ist die Position unbestrittener und unbestreitbarer Macht, die aus Menschen solche Egomanen machen.

Wie gesagt, schlimmer noch ist der sich in der Äußerung offenbarende Rassismus (und im Folgenden basieren meine Ausführungen vor allem auf einem Aufsatz meinem Homie Smitt, daher hier mal Shoutout). „Wieso denn rassistisch?“ bläht sich jede Hohlbirne auf. „Der hat ja gar nichts über die Hautfarbe oder so gesagt? Und außerdem stimmt’s doch, die sind da nicht so wie wir!“ Darauf entgegnet man am besten: „Es stimmt, es handelt sich dabei nicht um biologischen Rassismus, der seine Urteile und Hierarchien eben aus einer biologischen Verschiedenheit ableitet. Aber der Herr Arzt bedient sich eines kulturellen Rassismus, indem er die deutsche Ordnung der nahöstlichen Unordnung gegenüberstellt und es sich auch nicht nehmen lässt, die beiden Frauen daran zu erinnern, dass sich hier nicht so benehmen können wie dort, wo Zuspätkommen und Unzuverlässigkeit ja anscheinend das soziale Miteinander charakterisieren. Darin mit ausgesprochen sind Vorurteile über die Zurückgebliebenheit der dortigen Verhältnisse und eine Abwertung der in diesen Verhältnissen Aufgewachsenen. Der Herr Arzt erinnert die beiden Frauen auch daran, dass sie diesen ›Entwicklungsrückstand‹ besser zügig aufholen, denn ›wir sind hier in Deutschland‹. Pünktlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit werden hier zu kulturellen Markierungen, die ein ›besser als‹ implizieren.“

All das hätte ich sagen können, habe ich aber nicht, was mir leid tut. Wobei ich sicher bin, dass eine Einmischung meinerseits nichts an der generellen Verhaltensweise des Arztes geändert hätte; allerdings hätte ich den anderen Patientinnen ein Beispiel dafür sein können, dass man nicht in dieser Art und Weise mit sich reden lassen muss, vielleicht hätten sie keine Angst gehabt, in anderen Situationen Einspruch zu erheben. Und das wäre durchaus etwas gewesen, was man als gute Konsequenz hätte begreifen können.

Buchstabenfolgen Fierzähn

Letztens war der walisische Schriftsteller Niall Griffiths in Deutschland zu Gast. Anlass: Das Seminar ›Translating Niall Griffiths‹ eines guten Freundes und ehemaligen Kollegen (SO Smitt). Mr. Griffiths hat nicht nur einige sehr lesenswerte Romane geschrieben (u.a. Sheepshagger, Grits, Stump, Kelly & Victor), sondern auch zahlreiche Gedichte, die in dem (mittlerweile nur noch antiquarisch zu bekommenden) Band Red Red Roar. 20 Years of Words gesammelt vorliegen. Wenn Sie jetzt sagen »Hä? Von dem habe ich ja noch nie gehört?«, dann ist diese Reaktion sehr verständlich, liegt doch keines seiner Bücher in deutscher Übersetzung vor. »Warum?« fragen Sie jetzt und fahren fort, »Es werden doch so viele belanglose und mittelmäßige Bücher veröffentlicht, und wenn es stimmt, dass diese Bücher lesenswert sind, warum hat sich noch kein deutscher Verlag gefunden, sie zu veröffentlichen?« Eine gute und berechtigte Frage, die umso mehr Berechtigung erhält, wenn man erfährt, dass Mr. Griffths’ Bücher in zahlreiche andere europäische Sprachen übersetzt worden sind, eine deutsche Übersetzung aber nicht mal in Sicht ist. Also, warum? Lassen sich mögliche Gründe angeben für diesen verlegerischen Fauxpas?

Ein erster Grund könnte sein, dass seine Bücher vielleicht gar nicht so gut sind, wie ich denke, dass sie sind. Gemessen an dem, was deutsche Verlage so auf den Markt bringen, hält mein Urteil locker Stand. Was vielfach so furchtbar uninteressant an deutscher Literatur ist, sind ihre Themen. Die Aufarbeitung deutscher, deutsch-deutscher Geschichte – so sinnvoll sie ist – anhand kaum variierender Familiengeschichten ist langweilig und ästhetisch eine Sackgasse. Genauso verhält es sich mit dem merkwürdigen Bedürfnis nach Innerlichkeit, der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, der Erzählung von Halb- oder komplett Autobiographischem (ein Bedürfnis, das nicht nur deutsche Autoren artikulieren, sondern die Übersetzung und den Erfolg der Knausgard-Bücher erklärt). Damit hängt zusammen, dass die Figuren dieser Texte merkwürdige besonders sind, alle erfahren erzählenswerte Dinge, wodurch sie so unheimlich besonders wirken bzw. wirken sollen. Und doch, es sind nur Papierfiguren. Ihre Leben, ihre Entscheidungen (richtiger vielleicht ihre Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, treffen zu wollen), ihre Ansichten sind mir völlig egal, im schlimmsten Fall nerven sie kolossal. Bürgerliche Würstchen, die einfach mal den Arsch zusammen kneifen und erkennen sollten, dass ihre Probleme keine Probleme sind, zumindest keine über die man etwas lesen möchte. Dem entspricht, dass es in Deutschland nur bedingt eine Tradition einer working-class-literature gibt, der sich zumindest Mr. Griffiths für Großbritannien zurechnen würde. Natürlich gibt es Einzelfälle, Jörg Fauser etwa (über den Mr. Griffiths nicht zufällig einen Artikel im Guardian geschrieben hat, wobei es sich bei diesem Artikel um eine gekürzte Fassung seiner Einleitung zur englischen Übersetzung von Fausers Rohstoff, Raw Material, handelt; hier klickst du: https://www.theguardian.com/books/booksblog/2014/nov/26/jorg-fauser-beats-german-counter-culture) oder Jakob Arjouni oder Heinz Strunks Der Goldene Handschuh. Aber sonst? Zumindest liegen in Übersetzungen die Romane von Irvine Welsh vor und sogar James Kelmans Roman How late it was, how late gibt’s auf Deutsch. Um es kurz zu machen: Einen guten Grund für das Versäumnis, deutsche Übersetzungen von Niall Griffiths’ Romanen vorzulegen, gibt es nicht. Also, liebe Verlage in Deutschland bemüht euch um Niall Griffiths. Es wäre ihm und den deutschen LeserInnen zu wünschen.

PSA 24/07/17

Solange ich noch als Geisteswissenschaftler arbeite, im Folgenden ein paar Gedanken über Wissenschaft: Der Gegensatz zwischen Natur- und Geistes- und Gesellschaftswissenschaften besteht offensichtlich in den unterschiedlichen Gegenständen. Wichtiger erscheint mir allerdings der Unterschied zwischen den Publikationsweisen. Während die Naturwissenschaften auch hinsichtlich ihrer Publikationen, gerade auch bezüglich der Weiterqualifikation, den Nachweis von Kooperationen deutlich machen, hängt die Publikation von Qualifikationsschriften (sprich: Dissertation und Habilitation) in den Geisteswissenschaften immer noch vom einzelnen Wissenschaftler ab [kurzer Exkurs: Das heißt natürlich nicht, dass die Geisteswissenschaften vor allem von der Tätigkeit von ›Einzelkämpfern‹ abhängen; allein die Vielzahl von Tagungen, Kongressen, Graduiertenschulen und -netzwerken spricht dagegen. Zentral bleibt allerdings die Monographie (wie lange noch, ist eine andere Frage), in der eine einzelne Person die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit präsentiert.] Das bringt mich zu der Überlegung, inwiefern der persönliche Schreibstil für den Erfolg einer geisteswissenschaftlichen Karriere wichtig, vielleicht sogar entscheidend ist. Ich denke, es ließe sich die These vertreten, dass der Erfolg einer geisteswissenschaftlichen Theorie oder einer geisteswissenschaftlichen Studie vom Stil, in dem sie geschrieben worden ist, abhängt. Um einen etwas größeren ideenhistorischen Horizont zu eröffnen: Eingedenk der Theorieimporte in die Geisteswissenschaften im Verlauf des 20. Jahrhunderts und der Wichtigkeit von Theorie als eigenständigem Beitrag zur geisteswissenschaftlichen Praxis, ließe sich folgender Entwurf einer wissenschaftsgeschichtlichen Studie formuliere. Stil, eine persönliche Schreibweise, die durchaus idiosynkratische Züge tragen kann, ist die Markierung für den Erfolg geisteswissenschaftlicher Praxis (Erfolg ist dabei nicht allein daran abzulesen, dass jemand innerhalb der akademischen Institution besonders weit kommt [Professoren sind nicht zwingend gute Stilisten], sondern basiert auf einer Art doppelten Rezeption. Zum einen lässt sich der Einfluss des Stils an Texten von späteren Wissenschaftlern ablesen, d.h. der Stil gibt eine Orientierung für jüngere Wissenschaftler, wie sie schreiben wollen/sollen, was einerseits so merkwürdige Phänomene wie die kultische Verehrung bestimmter Wissenschaftler oder Formen des epigonalen Schreibens verdeutlichen. Zum anderen, und auch das ist entscheidend, wie stark bestimmte Theorien oder Begriffe außerhalb der Wissenschaft zirkulieren, was u.a. zur Folge haben kann, dass ›richtige‹ Wissenschaftler sich von den erfolgreichen Wissenschaftlern zu distanzieren beginnen. Damit Stil zu einer Kategorie wissensgeschichtlicher Forschung werden kann, sollte man jedoch nicht nur die faktisch nachvollziehbare Rezeption zum Gegenstand machen, sondern einen Bereich, der sehr viel schwieriger zu erklären wäre, nämlich die affektive Dimension wissenschaftlicher Schreibweisen. Ob man nämlich einer bestimmten Theorie anhängt, lässt sich nicht allein durch deren Kohärenz, ihre Überzeugungskraft erklären. Die moderne Geisteswissenschaft ist zu keinem Zeitpunkt der Rhetorik entwachsen. Ihre Überzeugungskraft und, im Anschluss daran, ihre Verbreitung ist dem Stil geschuldet, in dem sie präsentiert wird und dieser Stil affiziert die LeserInnen. Man ist immer eher bereit jemandem gedanklich zu folgen, der gut erzählt, gut schreibt, wobei der Güte des Stils die affektive Dimension nicht fehlen kann, oder richtiger, nicht fehlen darf. Warum sollte man sich mit Theorien beschäftigen, die langweilig sind. Das gilt sogar noch für Theorieentwürfe, die dezidiert technisch, abstrakt oder unpersönlich auftreten, wie etwa die Systemtheorie. Doch auch sie ist affektiv aufgeladen, sie spricht gerade durch ihren Stil, der kein Stil sein will, die LeserInnen an. Damit gilt für die Geisteswissenschaft etwas, was man der Literatur absprechen wollte: die Relevanz der Autorenpersönlichkeit. Stil erscheint somit nicht nur als konstitutives Element geisteswissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung, sondern auch als Ausdruck einer Autorenpersönlichkeit. (Und wer jemals auf einem Kongress gewesen ist, der sich dem Werk eines Theoretikers widmete, weiß, wie sehr dessen Exegeten die Reinheit der Lehre an der Intention des Autors festmachen wollen; nicht ums Weiterdenken, sondern ums Richtigdenken geht’s.)

Das bringt mich zum letzten Punkt. Eine solche Wissensgeschichte des Stils wäre die Vorarbeit zu einer weiteren Wissensgeschichte, und zwar einer Wissensgeschichte des produktiven Missverstehens. In Anlehnung an Harold Blooms The Anxiety of Influence könnte eine solche historische Arbeit darin bestehen, nicht die richtigen Lesarten eines wissenschaftlichen Autors aufzulisten, sondern die aus der Auseinandersetzung sich entwickelten produktiven Fehllektüren. Da die Theoriesprachen im 20. Jahrhundert schillernd sind und nicht eindeutig festgelegt (es gibt einen Mangel an Definitionen), wäre diese Arbeit daran interessiert, was aus diesen nichtfestgestellten Konzepten, Begriffen und Theorien geworden ist. Man könnte ja wahrscheinlich sogar folgende These formulieren: Ein richtiges Verständnis gibt es nicht, es gibt nur produktives Missverstehen.

Und wer mag, der darf diese Ideen gerne verwenden.

Buchstabenfolgen Dreitsehn

Es ist noch nicht lange her, dass ich ein Seminar zum Thema „Postmoderne“ gegeben habe. Im Laufe des Semesters haben Studentinnen wiederholt die Ansicht geäußert, die diskutierten literarischen Texte – Paul Austers City of Glass und Christoph Ransmayrs Die Letzte Welt – seien ›kritisch‹. Auch nach mehrfacher Nachfrage, was sie denn mit ›kritisch‹ meinen, ist mir nicht klar geworden, inwiefern die Texte ›kritisch‹ seien. Der gemeinsame, vage bleibende Nenner bestand darin, literarischen Texten (auch den genannten) ein irgendwie ›aufklärerisches‹ oder ›politisches‹ Potential zu unterstellen. Mein wenig pädagogisches Vorgehen bestand daraufhin darin, meine Verblüffung darüber zu äußern, ausgerechnet der Literatur der Postmoderne ein kritisches Potential bzw. die Fähigkeit, eine nach außen gerichtete Kritik artikulieren zu können, zu unterstellen. [Kurze Abschweifung: Immerhin lautet kein leiser Kritikpunkt an der Literatur der Postmoderne selbst, dass sie unfähig sei, sich auf etwas anderes als sich selbst als Literatur zu beziehen, sie infolgedessen gesellschaftlich vollkommen wirkungslos sei und nicht mehr als ein weiteres Unterhaltungsangebot im Spätkapitalismus etc. pp. (Kurze Abschweifung von der kurzen Abschweifung: Das gilt natürlich nur, wenn man überhaupt anerkennt, dass es so etwas wie die Postmoderne überhaupt gibt oder gegeben hat, und es somit möglich ist, trennscharfe Kriterien dafür zu formulieren, wodurch sich postmoderne Literatur – oder Kunst im Allgemeinen – von vorangegangen Formen literarischen Ausdrucks unterscheide etc.)] Ich führte also weiter aus, dass bestimmte sprachphilosophische bzw. -theoretische Positionen im 20. Jahrhundert dazu geführt hätten, die Wirklichkeitssättigung von Sprache in einem Maße zu bezweifeln, so dass Sprache auf nichts anderes verweisen könne als sich selbst und demnach keine Brücke von einem Text in die Wirklichkeit hinüberführe, kurz, dass der postmoderne Schriftsteller in die Sprache eingesperrt sei, ohne Möglichkeit oder Hoffnung darauf, ihr jemals entkommen zu können. So zumindest meine abgeklärte, distanziert-distanzierende Haltung als Wissenschaftler und Dozent, die eine ziemlich durchgenudelte Variante postmoderner Sprachskepsis als Begründung dafür gab, warum die Annahme, Literatur sei per se ›kritisch‹, insbesondere in Zeiten der Postmoderne nicht weit führe. [Nochmal eine kurze Abschweifung: Postmoderne in Bezug auf die Literatur lässt sich nicht wirklich gewinnbringend ohne poststrukturalistische Positionen verstehen, da allerdings die Zeit in einem Semester begrenzt ist, musste ein ausführliche Diskussion einzelner prominenter Stellungnahmen unterbleiben, was man sicherlich auch als Planungsfehler meinerseits werten kann. Ein weiterer Grund allerdings ist, dass man sich darüber klar sein sollte, dass man, wenn man das Poststrukturalismus-Fass einmal geöffnet hat, nicht umhin kann festzustellen, dass die entsprechenden sprachphilosophischen bzw. -theoretischen Stellungnahmen in erster Linie in der Auseinandersetzung mit moderner bzw. modernistischer Literatur entwickelt wurden und somit eigentlich zusammengenommen eine Poetik moderner Literatur darstellen, womit sich die Frage stellt, warum diese Positionen überhaupt wirksam sein sollen für das, was man postmoderne Literatur nennt, wodurch man gezwungen wäre, auf die ideengeschichtliche Konstellation von Literatur, Literaturtheorie und Philosophie einzugehen, was wiederum bedeutete, weitere Kontexte zu eröffnen (etwa den prekären Status von Theorie selbst), um dann folgerichtig selbst in einem unendlichen Strudel zu versinken, der performativ einholte, was auf inhaltlicher Ebene zu vermitteln gewesen wäre, weshalb es sinnvoll erscheint, an dieser Stelle abzubrec…] Als ›offizielle‹ Lehrmeinung in einem Seminar, das einführenden Charakter in das Konzept der Postmoderne haben sollte, würde ich oben Ausgeführtes immer wiederholen und in meiner Funktion als Dozent auch verteidigen. Natürlich ist das nicht ›die Wahrheit‹ (wie in der Abschweifung angedeutet, nicht mal die halbe), aber um ein solches Konzept in Frage stellen zu können, muss man zunächst gewisse Wissensfundamente legen. Natürlich stellte mich keine Studentin infrage, obwohl es ihr gutes Recht gewesen wäre zu fragen: „Und warum sollte ich mich dann überhaupt mit diesen Texten beschäftigen? Lese ich dieses Wortgeklingel nur aus der Freude am ästhetischen, zweckfreien, interesselosen Spiel einer fremden Imagination? (richtig, so sprechen fiktive Studentinnen, die Kant gelesen haben)“ Diese Studentin hätte vollkommen recht. Warum sollte man sich mit Literatur beschäftigen (was immerhin Lebenszeit beansprucht), die sich (angeblich) darin erschöpft, sich selbst zu gefallen und davor zurückweicht oder, aufgrund einer tiefgehenden Skepsis gegenüber der Sprache, unfähig ist, irgendeine Aussage über die Wirklichkeit zu treffen? [Kurze Anmerkung: Was hier der Ausdruck ›die Wirklichkeit‹ bezeichnet, ist natürlich völlig ungeklärt, was auf die grundlegenden Schwierigkeiten verweist, bedient man sich sprachlicher Abstraktionen, worin aber Sinn und Zweck wissenschaftlicher Tätigkeit zu bestehen scheint. FYI: Ungeklärt im vorliegenden Zusammenhang ist ja auch, was das Wort ›Literatur‹ bezeichnet…]

Akzeptiert man für einen Moment die Annahme, Literatur habe ein ›kritisches‹ Potential, stellen sich weitere Fragen: Inwiefern, d.h. u.a. in Bezug auf was oder wen ›kritisch‹? Beurteilt der konkrete Text etwas außer von sich, eine gegeben Situation? Oder verhandelt der Text eine Situation, die sich auf die Wirklichkeit übertragen lässt? Und wenn es um so etwas wie die Urteilskraft literarischer Texte geht oder gehen soll, was ist der Maßstab für ein solches Urteil? Geht es etwa um moralische Fragen?

Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, den Studentinnen gehe es um eine Art moralischer Kritik an kritikwürdigen sozialen oder gesellschaftlichen oder politischen Verhältnissen, eine Sichtweise, die ja auf ein legitimes Bedürfnis nach Orientierung abzielt. Es liegt mir fern, die Berechtigung dieses Bedürfnisses zu bestreiten, auch wenn diese Sichtweise bemerkenswert unhistorisch scheint, ist doch die Idee, Literatur (oder allgemein Kunst) helfe oder diene der moralischen Selbstwerdung bzw. -vervollkommnung, einigermaßen staubig. [Wiederum kurze Abschweifung: Vielleicht zeigt sich daran aber auch nur die Langlebigkeit bestimmter Ideen oder eine Sehnsucht danach, von jemandem, den man für klüger hält, angeleitet zu werden. Dass sich aus ›guter‹ Literatur allerdings so etwas wie Lebenshilfe abziehen ließe, mag man zu Recht bezweifeln. Dafür gibt es schließlich eine eigene Gattung: Ratgeberliteratur.]

Mein Vorschlag lautet nun, zunächst einen Schritt zurück zu tun, um zuerst einmal die Verwendung oder den Gebrauch der Ausdrücke ›kritisch‹, ›Kritik‹ zu klären. Man könnte versuchen, von einem vorschnellen Verständnis abzusehen, dass Kritik als Wertung oder Werturteil versteht; sinnvoller könnte man Kritik als Unterscheidungsvermögen verstehen, d.h. als die Fähigkeit zu unterscheiden und diese Unterscheidungen und Unterschiede folglich zu vermitteln. So verstanden ist Kritik als Unterscheidungsvermögen eine grundlegende Operation der Weltwahrnehmung (und zugleich bildet sie auf diese Weise die Grundlage oder die Bedingungen überhaupt zu einem Werturteil oder einem moralischen Urteil etc. zu gelangen, wobei die Offenlegung der Bedingungen, i.e. die Kriterien der Unterscheidung, zu dieser grundlegenden Operation gehören sollte). Der Satz ›Literatur ist kritisch/soll kritisch sein‹ ließe sich somit in ›Literatur besitzt ein Unterscheidungsvermögen‹ übersetzen. Literatur nimmt demnach Unterschiede wahr und übersetzt diese Wahrnehmung von Unterschieden mit den Mitteln der Sprache in einen Text.

Nun probiere ich einen Sprung.

Als gelegentlicher und enthusiastischer Leser von Ludwig Wittgenstein (Heidegger, my ass) bin ich über folgende Stellen in den Philosophischen Untersuchungen gestolpert.

Zu Beginn von §19 heißt es:

„Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzählige Andere. – Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen.“

Und in §23 kann man Folgendes lesen:

„Das Wort ›Sprachspiel‹ soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform.“

Wie gesagt, ich sehe mich als enthusiastischen, nicht als professionellen Leser von Wittgensteins philosophischen Texten, d.h. ich werde mich nicht um eine angemessene Exegese der zitierten Stellen bemühen [Anmerkung: Über Wittgenstein zu schreiben, ihn auszulegen ist ein notorisch schwieriges Unterfangen, dem hier nicht nachzugehen ist. Ich benutze Wittgenstein, um ein Modell der Beschreibung von Literatur zu erstellen, und zwar unter besonderer Berücksichtigung einer ›kritischen‹ Funktion]. Lässt man einmal kurz außer Acht, wie vage etwa Ausdrücke wie ›Sprachspiel‹ und ›Lebensform‹ sind, kann man zunächst festhalten, dass ein Zusammenhang zwischen dem Sprechen einer Sprache und dem besteht, was Wittgenstein ›Lebensform‹ nennt, d.h. der Gebrauch von Sprache deutet auf die Lebensform des Sprechers hin, an der Art und Weise, wie jemand Sprache gebraucht kann man erkennen, wie jemand lebt. Wenn ein literarischer Text Unterschiede macht und diese Unterschiede sprachlich vermittelt, dann können diese Unterschiede von den Leserinnen als Unterschiede in den Lebensformen wahrgenommen werden. Sofern in einem literarischen Text Figuren vorkommen, lassen sich aufgrund der unterschiedlichen Sprechweisen unterschiedliche Leben oder Lebensläufe oder Lebensformen ausmachen. Und hierin liegt nicht zuletzt ein Maßstab für die Bewertung literarischer Texte begründet. Wenn es einem literarischen Text mit sprachlichen Mitteln gelingt, die Unterschiede zwischen einzelnen Figuren nicht nur zu benennen, sondern durch den spezifischen Sprachgebrauch für die Leserinnen ersichtlich zu machen. Nimmt man zum Beispiel David Foster Wallaces Erzählsammlung Brief Interviews with Hideous Men bzw. genauer die Titel gebenden Interviews der schrecklichen/fiesen Männer, dann wird ersichtlich, was ich meine. Sämtliche dieser Interviews sind strenggenommen Monologe des jeweils interviewten Mannes. Die entsprechenden Fragen oder Reaktionen der Fragen stellenden Person (höchstwahrscheinlich eine Frau) wurden ausgelassen, so dass die Leserinnen ausschließlich mit den Worten des Mannes konfrontiert werden. Zusätzlich sind die Interviews durch keine übergeordnete Erzählung zusammengefasst, es wird demnach keine andere Perspektive auf die Monologe der Männer zugelassen oder ermöglicht [ein Einfallstor für alle möglichen Interpretationen…]. Als Leserin ist man folglich ausschließlich mit den Worten, genauer mit dem Sprachgebrauch dieser Männer konfrontiert und es ist v.a. ihr Sprachgebrauch, der sie als schrecklich/fies erscheinen lässt. Wallaces Interviews erfüllen somit auf zweierlei Weise eine kritische Funktion: Zuerst nehmen sie überhaupt sprachliche Unterschiede wahr und machen sie als literarischen Text lesbar; zweitens legen sie durch die Darstellung eines bestimmten Sprachgebrauchs nahe, dass diese Männer in ihren Leben gefangen sind, ihr Sprachgebrauch lässt es als unwahrscheinlich erscheinen, dass sie sich jemals ändern könnten oder, richtiger, ändern wollten. Das von Wallace entfaltete Sprachpanorama zeigt ein Panorama misogyner Lebensformen, ohne dass an einer Stelle eine auktoriale Instanz auf die Schrecklichkeit der Männer hätte hinweisen müssen. Allerdings muss jede Leserin das auch erkennen, worin aber eben der Unterschied zwischen guter und weniger guter, gelungener oder misslungener Literatur liegt. Und genau aus dem Grund ist Paul Austers City of Glass kein gutes Buch.

Bildfolgen im Dunkeln VII

Das Folgende ist nichts für schwache Gemüter oder schwache Mägen… (einen Spoiler Alert gibt es nicht, da die Gegenstände zwei Jahre alt und älter sind, und darüber hinaus gibt es nur wenige Personen, die diese Filme sehen werden, geschweige denn sehen möchten…)

Man stelle sich folgenden sales pitch für eine Filmfinanzierung vor: „Haben Sie sich jemals gefragt, was die schlimmste Strafe für einen Kinderschänder wäre? Würde man seinen Mund an den Anus eines fetten LKW-Fahrers nähen.“ Aus dieser peinlichen Rachefantasie (die merkwürdigerweise gerade auch LKW-Fahrern Einiges zumuten würde, als hätten diese etwas Schlimmes getan) hat der niederländische Filmemacher Tom Six seine mehr oder minder berüchtigte Film-Trilogie zusammengedreht: The Human Centipede I (The First Sequence), The Human Centipede II (The Full Sequence), The Human Centipede III (The Final Sequence). War der erste Teil noch Gegenstand nervöser Medienaufmerksamkeit – mit allem was dazugehört: empörten Journalisten, besorgten Pädagogen, lustigen Late-Night-Talkern (für letzteres hier klicken: https://www.youtube.com/watch?v=Hlo49fvZ0L8 ) – ließ das Interesse an den Teilen II und III außerhalb der Gemeinschaft der Freunde filmischer Geschmacklosigkeiten merklich nach. IMDB verzeichnet demnach auch einen rapiden Bewertungsabfall von ursprünglich grandiosen 4,4/10 für Teil I zu 2,9/10 für Teil III. So weit, so gut.

Doch stellt man immer wieder die Frage, warum schaut man sich so etwas an? Oder, genau so häufig, allerdings weniger berechtigt, warum dreht jemand solche Filme? Der zweiten Frage lässt sich entgegenhalten, dass solche Filme, wenn schon kein künstlerischer Wert (was auch immer das sein mag) festzustellen ist, immerhin als Ausdruck der weitreichenden Toleranz unserer Gesellschaften verstanden werden können, geschützt durch Prinzipien wie Meinungsfreiheit und/oder Freiheit der Kunst. Die erste Frage ist weniger einfach zu beantworten, denn die Filme sind als Genre-Filme schlecht, wenig unterhaltsam und höchstens wegen ihres Schock- und Ekelpotentials irgendwie als Genre-Filme zu rechtfertigen. Darin ähneln die Centipede-Filme Heranwachsenden, die sich gegenseitig darin übertrumpfen wollen, mehr auszuhalten und einfach krasser zu sein als der Nebenmann (und Mann ist hier das Schlüsselwort). Eine Haltung, die nicht lebensbestimmend werden sollte.

In einem früheren Eintrag bin ich bereits auf den ersten Teil eingegangen, der eine krude Mischung aus Mad Scientist und Body-Horror bietet, jedoch darauf verzichtet, diese an sich vielversprechenden Genreanlagen (man denke etwa an David Cronenbergs Filme) irgendwie angemessen umzusetzen. Teil II ist dann ein schönes Beispiel für die Eskalationslogik, die die Entwicklung von Horrorfilm-Sequels bestimmt, garniert mit einer Reihe von Tabubrüchen (Tod eines Babys, Penetration mit Stacheldraht, Wichsen mit Schmiergelpapier und, natürlich, einem längeren menschlichen Tausendfüßer-Gebilde, geboren aus den sexuellen Gewaltfantasien eines Mannes, der nicht ganz rund läuft), die durch eine fade Handlung erzählerisch zusammengehalten wird (nicht unähnlich einem Porno). The Human Centipede III (The Final Sequence) versucht sich dann, wenig überraschend, an der nächsten Eskalationsstufe, indem der Film nicht nur einen noch längeren Centipede zeigt (gebaut aus den Insassen eines Gefängnisses, das irgendwo im US-amerikanischen Süden liegt [wahrscheinlich Texas]), sondern vor der großen Enthüllung wiederum eine Reihe von Gewaltakten und Tabubrüchen (Folter mit heißem Wasser; einem Häftling wird eine Pistole in den künstlichen Darmausgang geschoben, um ihn zu erschießen; die Sekretärin wird mehrfach sexuell misshandelt etc.) präsentiert, die ›krass‹ sein sollen, woraufhin zu guter Letzt sogar noch die Human Caterpillar als weitere Innovation gezeigt wird. Da dieser Film ja das Ende der Trilogie markiert, wurden sämtliche ›Qualitäten‹ der ersten beiden Teile noch einmal reaktiviert, inklusive der beiden Hauptdarsteller aus I und II, die hier eine Art psychotisches Laurel-und-Hardy-Duo bilden, das man Superdick und Superdoof nennen könnte. Während Laurence R. Harvey, der den Protagonisten aus Teil II gespielt hat, nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht ist (zumindest im Rahmen dieses durch und durch schlechten Films), stellt die schauspielerische Performance von Dieter Laser (Dr. Heiter aus Teil I) das wirkliche Desaster des Films dar. Wenn man nach einem Beispiel für Method-Acting als Over-Acting sucht, dem sei THCIII als Anschauungsmaterial empfohlen. Bereits die ersten Bilder des Films legen die Figur Lasers als jemanden fest, der nicht alle Nadeln an der Tanne bzw. alle Tassen im Schrank hat, und jede Geste, jedes Wort weisen die Superanstrengung auf, den Zuschauer auch nicht für einen Moment daran zweifeln zu lassen, dass man es hier mit einem wirklich unverbesserlich bösen Menschen zu tun hat. Das hat den Effekt, dass man die Anstrengungen Lasers höchstens als lächerlich ermüdend empfindet, so sehr soll dem Zuschauer klar sein, hier ist jemand wirklich pathologisch verrückt. (Dass der Film auch noch den unverbesserlich unermüdlichen Eric Roberts aufbietet, ist nochmal eine Geschichte für sich…) Nun könnte man argumentieren, dass Lasers Performance im Kontext dieses Films, der zu keiner Zeit vorgibt, nicht over-the-top, comichaft oder satirisch-lustig sein zu wollen (und hier sein eingeschoben, dass der Film keine Satire ist und auch das Bisschen Sozialkommentar zu Rassismus, Haftbedingungen in den USA etc. nur das Werk eines geschickten Interpreten wäre und keinesfalls ein Verdienst des Films), genauso over-the-top, comichaft oder satirisch-lustig gemeint sei. Weit gefehlt: Laser ist einfach schlecht, genauso wie der Film einfach schlecht ist (und auch das sei hier noch eingeschoben: der Film ist auch kein Trash, sondern wirklich einfach kacke, so wie ein Haufen Scheiße auch nur ein Haufen Scheiße ist).

„Warum schaust du dir den Film trotzdem an?“, fragt niemand. Meine Antwort könne schlicht lauten: Wegen der Vollständigkeit. Eine längere Antwort: Weil man anhand solcher Filme lernt bzw. lernen kann, aus welchem Grund Filme funktionieren. Filme wie die THC-Trilogie bilden den Hintergrund für die Bewertung von anderen Filmen, besseren Filmen. Wenn man sich sein Leben lang nur Kunstfilme anschaut, besitzt man keinen glaubwürdigen Maßstab, um andere Filme zu beurteilen (was im Hinblick auf Film als populäre Kunstform zu merkwürdigen Einschätzungen führt). Denn, und das ist meine Befürchtung, eine Performance wie die von Dieter Laser könnte in einem anderen Kontext als irgendwie ironische Brechung von Schauspielmythen wahrgenommen werden, was sie schlicht nicht ist.