Buchstabenfolgen XX

Folgende Überlegung zur Geschichte der Gattung ›Roman‹ gehen aus von der marxistischen Interpretation zu Aufstieg und Etablierung des Romans als Medium bürgerlicher Selbstverständigung. Ich zitiere den britischen Autor Lee Rourke: »We all know the well-worn Marxist interpretation of the rise of the modern ›novel‹ – but it’s worth repeating. The novel rose to its zenith in popularity during the 19th century, a time which also witnessed the rise of the bourgeoisie in society and the advent of the Industrial Revolution. In short, the bourgeoisie had more leisure time i.e., spending time with family, travelling around Europe, going to the theatre, visiting art galleries, and, more importantly reading novels, so the novel grew to reflect bourgeois taste – it effectively incorporated of these components into its make-up. The working class, on the other hand, had no leisure time at all, they were far too busy working. Novels simply weren’t for us. The modern novel has never been able to shake off its bourgeois roots – it has become its default mode system of values.«

Ich glaube, Lee Rourke hat Recht, allerdings stellt sich angesichts seiner kurzen Zusammenfassung die Frage, wie es sein konnte, dass sich der Roman als herrschende Gattung etablieren konnte, d.h. wie kam es dazu, dass unsere Vorstellung von dem, was Literatur sei, identisch ist mit der Gattung Roman? Und daran anschließend könnte man fragen, welche Werte werden denn von der Gattung Roman transportiert oder vermittelt, die wiederum unsere Vorstellung von dem, was Literatur sei oder könne, bis heute prägen? Wie gesagt, Rourkes Zusammenfassung ist zu kurz und beschränkt sich auf die sozialgeschichtlichen Faktoren, die der Gattung ›Roman‹ zu ihrem Aufstieg verholfen haben. Man müsste demnach seine Darstellung um zwei Aspekte erweitern, und zwar a) um einen medientheoretischen (oder richtiger, medienpraktischen) und b) um einen ästhetikgeschichtlichen.

Wenn es richtig ist, dass sich das Bürgertum u.a. dadurch auszeichnet, über Freizeit zu verfügen und diese Freizeit mit verschiedenen Aktivitäten füllen zu können, dann fällt auf, dass Rourkes Auflistung v.a. Aktivitäten enthält, die gemeinsam oder in einer Gruppe unternommen werden. Davon unterscheidet sich das Lesen von Romanen grundlegend, denn die Lektüre von langen Texten setzt nicht nur freie Zeit voraus, sondern, genauso wichtig, Ruhe. Das Lesen von Romanen setzt demnach so etwas wie Privatheit voraus, was die Verfügung über die eigene Zeit genauso einschließt wie das Vorhandensein bestimmter Räume, in die sich Leserinnen zurückziehen können, ungestört durch den Lärm der Welt und abgeschirmt von den Ansprüchen der Öffentlichkeit. Der entscheidende sozialgeschichtliche Faktor könnte demnach die Erfindung der Privatheit sein, die dann wiederum einen spezifischen Umgang, eine spezifische Praxis im Umgang mit dicken Büchern ermöglicht: die stille Lektüre. Das Lesen von Romanen bedingt somit einen Rückzug aus dem öffentlichen Raum.

Dem korrespondiert nicht nur die historische Erzählung von der Emanzipation des Individuums, sondern auch die Erfindung von etwas, das Pierre Bourdieu ›reine Ästhetik‹ genannt hat und merkwürdige, weil in sich widersprüchliche Folgen gezeitigt hat. Auch hierbei handelt es sich um einen Emanzipationsprozess, dieses Mal der Kunst im Allgemeinen und der Literatur im Besonderen, die sich beide aus externen Zwängen oder Erfordernissen gelöst haben: etwa die Vorstellung, Kunst müsse lehrreich sein, sie hänge von der Gunst von Mäzenen ab (Auftragskunst), sie sei an bestimmte Kontexte (etwa den königlichen oder fürstlichen Hof) gebunden, dürfe nur bestimmte Stoffe behandeln, müsse sich an antiker Kunst orientieren, gehorche dichtungstheoretischen Regeln etc. All dem ist die sich selbstbewusst als modern verstehende Kunst enthoben, die Idee künstlerischer Autonomie (nicht zufällig verwandt mit der Idee des autonomen Individuums, das bürgerlicher Denkart entspricht) ist geboren. Kunst gehorche demnach nur sich selbst und ihren eigenen Formgesetzen, sie könne alles thematisieren, was sie wolle, es gehe nicht mehr um Fragen der Moral, sondern einzig um die Frage, ob etwas schön oder interessant sei, ob rein ästhetische Ansprüche erfüllt werden. Auf diese Weise fügt sich die Kunst in die große Fortschrittserzählung von der Moderne ein, und zwar als Erfolgsgeschichte. Wie andere gesellschaftliche Teilgebiete auch, hat die Kunst/Literatur großartige, kanonische Werke hervorgebracht, die allerdings hauptsächlich von Spezialisten gelesen und kommentiert werden; Literatur als eine Angelegenheit der Öffentlichkeit hat sich lange erledigt, was man bedauern mag.

Zu den Folgen der Erfindung ›reiner Ästhetik‹ gehören meiner Ansicht nach v.a. diese drei: Erstens, sie hat einen Wandel in der Vorstellung der Sozialfigur ›Künstler‹ hervorgebracht; der moderne Künstler ist die prototypische Sozialfigur des Selbstausbeuters, willens für wenig bis gar kein Auskommen das zu tun, was sie/er liebt, am besten bis zur völligen Selbstaufgabe, die entweder in Suizid oder frühem Krankheitstod kulminiert (Beispiele gefällig: Rimbaud, Van Gogh), ein Muster, das auch heute noch gerne in Kauf genommen wird, wenn man an die zahlreichen Opfer der Popmusik denkt, und das als Narrativ dann wieder in Biopics kommerziell aufbereitet werden kann. Zweitens, entgegen der Annahme, Kunst/Literatur gehorche ausschließlich eigenen Gesetzmäßigkeiten (so als bringe jedes Kunstwerk seine eigene Poetik hervor), hat die ›reine Ästhetik‹ sehr viel rigidere Formen des Ausschlusses hervorgebracht, wodurch bspw. Formen der volkstümlichen Literatur, Science-Fiction, politische Literatur (Satiren und Utopien etwa) mit Hinweis auf ihre mangelnden ästhetischen Qualitäten abgewertet und abgetan wurden und höchstens mal in Universitätsseminaren als Ausnahmen von der Regel behandelt werden. Blickt man etwa auf den Literaturbetrieb in Deutschland, dann erkennt man sehr genau, für wen und welche Art Literatur immer noch produziert wird. (Es wäre eine interessante literatursoziologische Aufgabe nachzuvollziehen, wie die soziale Zusammensetzung in Verlagen oder Zeitungsredaktionen ist, wie viele der dort Tätigen einen Hochschulabschluss besitzen und ob das einen Einfluss darauf hat, ob etwas als Literatur vermarktet und verkauft werden kann.) Daran schließt die Vermutung an, dass ›reine Ästhetik‹ nicht so rein gehalten werden kann von äußeren Zwängen, wie sie gerne vorgibt, namentlich von denen des Marktes. Es scheint so zu sein, als genüge die Fiktion, etwas sei nicht auf die Bedürfnisse des Marktes hingeschrieben, damit es sich als wertvoll im doppelten Sinne erweist. Die Warenförmigkeit von Kunst/Literatur ist ein direktes Ergebnis des Beharrens auf ihrer Autonomie. Drittens, und hiermit kehren wir zu Lee Rourke zurück, stellt sich die Frage, wenn das doch so ist, wie kann man dann überhaupt noch einen Roman schreiben. Warum sollte man das tun? Und, wichtiger noch, was kann ein Working-Class-Schriftsteller tun? »Sadly, by and large, working class novelists do one of two things (or both!): a) write the same type of bourgeois novel pre-existing writers do, thereby fitting into the already established bourgeois literary default mode, or b) write the gritty, clichéd accounts of working class, inner-city misery they are expected to write for ›their‹ entertainment.« Rourkes Lösung: »We have to disrupt bourgeois taste and reading pleasure by writing what ›they‹ consider to be ›bad‹ novels.« Gemeint sind damit nicht schlecht geschriebene Romane, sondern Romane, die die bürgerliche Vorstellung vom Roman stören, angreifen und kaputt machen (was jetzt als Idee so neu nicht ist, aber wahrlich zu selten praktiziert wird). Oder man beerdigt den Roman als Gattung? So lautet zumindest der Vorschlag von Will Self (wer es lesen mag, hier), womit nicht gesagt ist, dass die Literatur beerdigt werden soll, aber vielleicht ist es an der Zeit, die Vorstellung davon, was Literatur ist oder sein kann zu ändern, um sie damit auch wieder für die Öffentlichkeit relevant zu machen.

Nachweis: Lee Rourke: Hop-Picking: Forging a Path in the Edgelands of Fiction. In: Know Your Place. Essays on the Working Class by the Working Class. Ed. by Nathan Connolly. dead ink 2017, S. 164-177.

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Buchstabenfolgen XIX

Es verwundert mich immer wieder, dass ältere Literatur sich manchmal als Tageskommentar lesen lässt. Wer auch nur ein bisschen die Auseinandersetzung um Brexit verfolgt, wird folgende Namen: Boris Johnson, Jacob Rees-Moog, David Cameron kennen, sowie über ihre politische Ausrichtung und ihre Rolle im öffentlichen Diskurs Bescheid wissen. Gemeinsam ist den drei Genannten vor allem ihre Herkunft und der damit verbundene Besuch teurer Privatschulen und Universitäten. Zu Oxford, Cambridge und deren Absolventen hat eine Figur aus News from Nowhere von William Morris aus dem Jahr 1891 Folgendes und für die heutige Zeit immer noch Angemessenes zu sagen:

»They (and especially Oxford) were the breeding places of a peculiar class of parasites, who called themselves cultivated people; they were indeed cynical enough, as the so-called educated classes of the day generally were; but they affected an exaggeration of cynicism in order that they might be thought knowing and worldly-wise. The rich middle-classes (they had no relation with the working classes) treated them with the kind of contemptuous toleration with which a mediaeval baron treated his jester; though it must be said that they were by no means so pleasant as the old jesters were, being, in fact, the bores of society. They were laughed at, despised – and paid. Which last was what they aimed at.«

Buchstabenfolgen XVIII

Als ich letztens äußerte, ich sehe gerne fern, wurde ich belächelt. Fernsehen könne man nicht ernstnehmen, so waren akademische Bekannte einer Meinung, und formulierten auf diese Weise ihr milieuabhängiges Vorurteil. Genauso wenig überraschend wie ihre Ablehnung des Fernsehens war der Grund: die mangelnde Qualität der Programme sowie die durch den Konsum unterstellte Verblödungswirkung. Wie gesagt, es war wenig überraschend und dementsprechend käsig, was mir die Lust nahm, überhaupt auf den Unterschied zwischen dem Fernsehen und seinen Programmen hinzuweisen. Die mittlerweile alte medientheoretische Einsicht in den Unterschied zwischen Medium und Inhalt hat sich demnach nicht bis in die gebildeten Milieus herumgesprochen (ein Umstand, der die gesellschaftliche Bedeutung der Medienwissenschaft wohl angemessen beschreibt). Dass die eben geschilderte käsige Meinung einer Deutschlehrerin aus dem Gesicht fiel ist genauso symptomatisch für den Mangel an Kenntnis und Unterscheidungsvermögen zahlreicher Lehrer bzw. Ausdruck genau solcher kulturellen Vorurteile, die spezifische Ungleichheiten weiter festigen. Nicht klar ist dabei, dass die Literatur nicht an sich kulturell wertvoll ist. Nicht nur wohnen Kafka und E.L. James unter demselben Dach ›Literatur‹, es lässt sich auch kein objektiver Grund angeben, warum Kafka dort eher wohnen sollte als E.L. James. Auch ist Lesen nicht an sich eine kulturell wertvolle Praktik, woraus folgt, dass Fernsehen keine an sich kulturell wertlose Praktik ist. Sämtliche dieser Bestimmungen hängen von zahlreichen Annahmen ab, die, sofern nicht über sie nachgedacht wird, käsige Vorurteile hervorbringen. Interessant ist, wie hartnäckig sich solche Vorurteile halten, die wiederum ein Ausdruck historischer Deutungsmuster ist.

Folgende Überlegung, die mehr eine Erinnerung an Bekanntes ist: Immer wenn ein neues Medium die Bühne betritt, kommt es zu einer kulturkritischen Kurzschlussreaktion. Kein Medium ist einfach, vielmehr muss es erst durch eine diskursive Rahmung als solches anerkannt werden. Bereits Platons Schriftkritik ließe sich als Prototyp oder Modell aller folgenden kulturkritischen Reaktionen auf Medienumbrüche verstehen. Offensichtlich ist Platons Kritik paradox, da sie in dem Medium geführt wird, das es zu kritisieren gilt. Solche Medienschocks wiederholen sich in innerhalb der Geschichte und ein Kennzeichen dieser Wiederholung ist der privilegierte Ort, von dem aus solche Kritik geäußert wird. Kulturkritik ist stets ein Bildungsphänomen oder ein Phänomen der gebildeten Klasse und die Einführung neuer Medien gefährdet stets tradierte und traditionelle Bildungshierarchien, bei denen ein Oben über ein Unten Herrschaft und Einfluss ausüben will. Bildungsmilieus sind demnach immer konservativ, und zwar unabhängig davon, wie das jeweilige Selbstbild ausfällt. Der Technikoptimismus Marshall McLuhans bzgl. etwa der politischen und sozialen Wirkungen oder Konsequenzen sowie der pädagogischen Möglichkeiten neuer Medien nährt sich von der Annahme, diese seien imstande, politisch-soziale Umwälzungen nicht nur zu begleiten, sondern auszulösen.

»Die einfachste, naheliegendste Erklärung für diesen Umstand ist, dass genau diejenigen, die für die Theoriebildung zuständig wären und die für die Theoriearbeit ausgebildet sind, Akademiker, Medienwissenschaftler, Intellektuelle, Kritiker, Philosophen, Feuilletonisten, sich für das Fernsehen schlichtweg nicht interessieren. Fernsehen ist eine überwiegend kommerziell geprägte massenkulturelle und daher notwendig triviale Form. Es ist einerseits primitiv und oft vulgär, andererseits auf eine komplexe, teure und aufwendige Technik gegründet […]. Beides, das Vulgäre wie das technisch Komplexe, zieht akademische Begriffs- und Theoriebildung nicht gerade an. Es lädt im Gegenteil dazu ein, Fernsehen mit Verachtung und eindeutiger Abwertung zu begegnen. […] Der Götterhimmel akademischer Begriffsarbeit scheut den Blick auf, schon gar den Aufenthalt am Schweinekoben unsäglicher kommerzieller und alltagskultureller Trivialität.« (Lorenz Engell 2012, S. 14) Die hier geäußerte Vorurteilsstruktur der mit Schreiben Beschäftigten geht in Deutschland auf zwei Vorläufer zurück: Adorno und Günter Anders. Beiden gemeinsam ist nicht nur die gesamte Bildungsladung des 19. Jahrhunderts, sondern vor allem die Erfahrung als Emigranten in den USA. Dort haben beide den zur damaligen Zeit avancierten Stand des Fernsehens als kommerzielle Institution kennengelernt, und, was wichtiger ist, beide haben anhand dieser Erfahrung über das Fernsehen geschrieben. Diese Texte haben dann die Rezeption des Fernsehens in gebildeten Milieus präfiguriert. Ihre jeweilige Kritik knüpft dabei an bekannte Topoi der Kulturkritik als Medienkritik an. Punkte der Anklage umfassen folgende unterstellte Effekte: Atomisierung, Infantilisierung, Passivität, Auflösung familiärer Strukturen, Sucht, Schaffung eines falschen Bewusstseins bzw. Verbreitung schädlicher Ideologie etc. Nichts anderes kommt zum Ausdruck, wenn sich Akademiker und Deutschlehrer übers Fernsehen äußern, mithin also diejenigen, die sich beauftragt fühlen, das nationale Kulturerbe zu überwachen. Daran ändert auch die kulturelle Aufwertung nichts, die das Fernsehen in der sogenannten Quality-TV Debatte erfahren hat. Denn es geht dabei nicht eigentlich um Fernsehen, sondern sehr spezifisch um die Rezeption von für wertvoll gehaltene Programminhalte, die einem hochkulturellen Maßstab zu entsprechen vermögen. Es geht nicht um die Öffentlich-Rechtlichen und schon gar nicht um RTL. Insbesondere letzteres bleibt Fraß für die Massen.

Dass die literarische Gattung ›Roman‹ seit ihrer Entstehung eine vergleichbare kulturkritische Sorge erfahren hat, wie später etwa das Fernsehen oder noch später das Computerspiel, ist kein verbreitetes Wissen. Das Phänomen der Lesesucht ist den meisten LeserInnen unbekannt, während Computerspielsüchtige vereinzelt, aber regelmäßig eine Schlagzeile abgeben. Heute würde wohl niemand mehr jemanden daran hindern, viele Romane zu lesen, aus Sorge, man könne abhängig werden. Der Versuch der Pathologisierung eines einem neuen Medium entsprechenden Nutzerverhaltens lässt sich auch als Versuch der Hierarchiestabilisierung verstehen. Das Romanlesen macht eine Person ungreifbar und entzieht sie (und historisch war es v.a. eine SIE, um die sich gesorgt wurde) der Kontrolle von Außen. Ähnliches vollzieht sich hinsichtlich des Nutzerverhaltens heutiger Jugendlicher, die ungreifbar werden für die Eltern und die Schule. Dem wird häufig der Niedergang der Fähigkeiten des Lesens und Schreibens entgegengehalten, so als handele es sich bei diesen Praktiken nicht historisch gewordene und im Verlauf der Geschichte mit einem kulturellen Wert ausgestattete.

Vielleicht hatte McLuhan Recht…

»Die Herausforderung der neuen Zeit ist einfach der ganze kreative Prozeß des Heranwachsens – und das bloße Lehren und Wiederholen von Tatsachen sind für diesen Prozeß genauso belanglos wie ein Wünschelrutengänger für eine Atomfabrik. Von den Kindern des elektronischen Zeitalters zu erwarten, daß sie auf die alten Bildungsangebote begeistert reagieren, ist, als ob man von einem Adler erwarten würde, daß er schwimmt. Das ist einfach nicht Teil ihrer Welt und deshalb unverständlich.

Nachdem im Umgang mit den elektronischen Medien bereits einmal alle ihre Sinne beansprucht worden sind, finden die Kinder der Fernsehgeneration es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, sich an die fragmentierten, visuellen Ziele unserer Bildungseinrichtungen zu gewöhnen. Sie sehnen sich nach intensiver Beteiligung und nicht nach linearer Distanzierung und uniformen sequentiellen Strukturen. Und dennoch werden sie plötzlich und unvorbereitet vom ›coolen‹, alles in sich aufnehmenden Schoß des Fernsehens weggerissen und dem heißen Medium des Buchdrucks mit seinem riesigen bürokratischen Apparat von Unterrichtsfächern und Note ausgeliefert.«

Und noch einmal McLuhan.

»In der heutigen Welt, in der nur sehr wenige junge Köpfe die intellektuellen Torturen unseres Bildungssystems überstehen können, ist es am besten, den Kindern so wenig Bildung wie möglich aufzubürden. Das mosaikartige Bild des Fernsehschirms erzeugt im Leben der Kinder ein tiefes Gefühl dafür, daß sie mit allem verbunden sind, daß alles jetzt und gleichzeitig passiert – und darum verachten sie die unpersönlichen visuellen Ziele der traditionellen Bildung als unwirklich, irrelevant und albern.«

Das war 1969 und die Veränderungen, die sich aus der Digitalisierung ergeben und ergeben haben, könnten es notwendig machen, die von McLuhan formulierten Bedenken gegen das, was heute Bildung genannt wird, erneut zu denken. Damit so etwas gelingen kann, müsste man sich von Vorurteilen wie den oben genannten verabschieden, die zur kulturellen Natur zu gehören scheinen. Ich nehme mich da keinesfalls aus, da ich bislang an der Vorstellung, Bildung oder besser ein Bildungskonzept müsse von Inhalt bestimmt sein. So verstanden, erscheint Bildung allerdings als spezifisches Wissen, das eben der Sicherung traditioneller Hierarchien dient. Ein Vorschlag könnte lauten: »Vielleicht wäre das ein Bildungskonzept, das mit der Komplexität der Gesellschaft und der Umstellung von traditionellem Wissen auf Muster mithalten kann. Vielleicht kommt es immer weniger auf Bestände als auf die Rekombination von Möglichkeiten an. Vielleicht geht es in der universitären Ausbildung eher um Reflexionsanlässe für die Konstellation von Problem und Lösung.“ (Armin Nassehi)

PSA 05/07/18

Folgendes Zitat von Tolstoi aus dem Jahre 1897 habe ich kürzlich in englischer Übersetzung gefunden und es beschreibt das Dilemma sämtlicher Diskussionsversuche, die in sozialen Medien unternommen worden sind und zukünftig unternommen werden:

„The most difficult subjects can be explained to the most slow-witted man if he has not formed any idea of them already; but the simplest thing cannot be made clear to the most intelligent man if he is firmly persuaded that he knows already, without a shadow of doubt, what is laid before him.”

Buchstabenfolgen XVI

Gedichte sind eine heikle Angelegenheit. Wohl bei keiner anderen literarischen Gattung ist die Trennlinie zwischen gelungen und nicht gelungen, so dünn und so scharf gezogen wie bei Gedichten. Keine andere Textsorte eignet sich in gleichem Maße in der eigenen Jugend ausprobiert zu werden, da es den Anschein hat, die Kürze und (mittlerweile) relative Formlosigkeit seien hervorragende Möglichkeiten, das eigene Empfinden oder die eigene Wahrnehmung in Worte zu fassen. Liest man diese Texte dann Jahre oder Jahrzehnte später, ist man häufig peinlich berührt, angesichts – ja, angesichts von was eigentlich? Was macht ein gelungenes Gedicht aus? Es gibt eine Anekdote, die davon berichtet, wie Germanisten ein unbekanntes Gedicht von Goethe vorgelegt wurde, ohne zu verraten, dass der Autor Goethe gewesen ist. Sie wurden als Experten um ihre kritische Einschätzung gebeten. Die Pointe ist nun, dass dieses Gedicht als schlecht bewertet wurde. Lässt sich daraus etwas über Gedichte oder Lyrik lernen? Hätten die Herren Germanisten das Gedicht anders gelesen, hätten sie gewusst, es handelte sich um ein unbekanntes Gedicht Goethes? Problematisch an Gedichten ist zudem, dass sie sich immer lächerlich machen lassen, indem man das Pathos oder die Ernsthaftigkeit im mündlichen Vortrag übertreibt. Das gilt für Hölderlin genauso wie (vielleicht sogar in noch höherem Maße) für Paul Celan. Das sagt aber nichts über die Güte eines Textes aus. Gedichte muss man lesen wollen und lesen können, um sie angemessen zu beurteilen, d.h. man muss die formale Eigenart des jeweiligen Gedichts akzeptieren und auf dieser Basis urteilen. Lassen sich dennoch Kriterien formulieren, die über das Einzelgedicht hinausgehen und in dieser Weise Maßstäbe der kritischen Beurteilung liefern?

In Ezra Pounds ABC of Reading findet sich folgende Definition von Literatur und weitergehend von Poesie: „Great literature is simply language charged with meaning to the utmost possible degree. Dichten = condensare. I begin with poetry because it is the most concentrated form of verbal expression.“ Literatur zeichne sich demnach durch einen besonderen Sprachgebrauch, durch einen Aufladungsprozess der Wörter mit Bedeutung, oder anders gesagt, um Verdichtung. Diese Verdichtung bezieht sich dabei nicht nur auf das einzelne Wort, sondern auch auf die Kombination dieses Wortes mit anderen Worten. Indem sie zusammengerückt werden, laden sich die Wörter gegenseitig mit Bedeutung auf, vertiefen diese Bedeutung, indem bspw. semantische Schichten freigelegt werden oder im Kontrast zwischen einzelnen Worten eine neue, dem Text angemessene Bedeutung aufscheint. Im Gedicht werde diese Konzentration am auffälligsten realisiert, wodurch dem Gedicht eine eigene sprachgebundene Wirklichkeit zukommen könne. Die Formalisten sprachen in diesem Zusammenhang von Poetizität oder der poetischen Funktion. Roman Jakobson in Was ist Poesie?: „Doch wodurch manifestiert sich die Poetizität? – Dadurch, daß das Wort als Wort, und nicht als bloßer Repräsentant des benannten Objekts oder als Gefühlsausbruch empfunden wird. Dadurch, daß die Wörter und ihre Zusammensetzung, ihre Bedeutung, ihre äußere und innere Form nicht nur indifferenter Hinweis auf die Wirklichkeit sind, sondern eigenes Gewicht und selbständigen Wert erlangen.“ Exakt darin liegt doch der Reiz sich mit Gedichten und Literatur im Allgemeinen zu beschäftigen: Man liest einen literarischen Text immer auch, weil es jemand versteht mit Sprache umzugehen, Sprache in anderer Weise zu gebrauchen, um etwas sagen, was sich anders nicht sagen ließe. Literatur erfüllt eine Funktion, die mit anderen Kunstmitteln nicht nicht zu erfüllen wäre.

Natürlich sind die Literatur oder das Gedicht keine überzeitlichen Größen, sie sind historisch wandelbar. Was aber gleich bleibt, ist die Tatsache, dass Sprache anders gehandhabt wird. Früher gab es für diese Handhabung feste Regeln, die vorgaben wie ein gelungenes Gedicht auszusehen habe. Heute hingegen fehlen solche normativen Vorgaben, was die Aufgabe der Kritik erschwert, sofern sie mehr als nur bloßes Geschmacksurteil sein will. Zugleich hat sich durch das Überangebot von Unterhaltungsmöglichkeiten der Status von Literatur geändert. Offensichtlich werden jährlich Unmengen an Büchern gedruckt, wie viele davon es wert sind gedruckt zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Literatur kein gesellschaftliches Leitmedium mehr ist, mag man beklagen, ändert aber nichts an der richtigen Feststellung; dass Literatur auf andere Medien reagiert und sogar in Verbindung mit diesen Medien tritt, ist ebenfalls keine Neuigkeit mehr; dass die Qualität literarischer Texte bisweilen unter dieser Medienkonkurrenz leidet, überrascht auch nicht.

Auftritt Rupi Kaur. Rupi Kaur ist eine indisch-kanadische Dichterin, deren erster Gedichtband Milk and Honey 1,4 Millionen mal verkauft worden ist. Ein veritabler Lyrikblockbuster, der jegliches kulturpessimistisches Geraune über den Tod der Literatur/Lyrik Lügen straft. Doch ist Rupi Kaurs kommerzieller Erfolg noch kein Ausweis dafür, dass sie gute Texte schreibt (genauso wenig ist es Beweis dafür, dass sie schlechte schreibt). Offensichtlich trifft sie mit ihren Texten einen Nerv und findet ein massenhaftes Publikum. Die folgende Kritik widmet sich auch nicht ihren beiden Gedichtbänden (der zweite trägt den Titel The Sun and her Flowers), sondern den Texten, die sie auf ihrem Instagram-Account (https://www.instagram.com/rupikaur_/?hl=en) veröffentlicht (wobei es Überschneidungen gibt). Hier zwei Beispiele:

„you break women in like shoes“

„like the rainbow/after the rain/joy will reveal itself/after sorrow“

Handelt es sich hierbei um gelungene Gedichte? Nimmt man die vorangestellten Überlegungen zum Sprachgebrauch als Grundlage, kann die Antwort nur Nein lauten. Während das Ein-Satz-Gedicht wohl eine Missbrauchsbeziehung behandeln soll (so zumindest Rupi Kaurs Ausführungen zu dem entsprechenden Post) ist der bildliche Vergleich schwach. „Break in“ klingt zwar aggressiv ist aber umgangssprachlich völlig selbstverständlich, sofern es darum geht, etwas Neues „einzutragen“ oder „einzulaufen“. Zudem gestaltet sich das Einlaufen neuer Schuhe für denjenigen, der sie neu hat, häufig schmerzhaft, womit sich die Frage nach der Angemessenheit des bildlichen Vergleichs für eine Missbrauchsbeziehung stellt. Wer leidet denn hier? Das zweite Gedicht enthält ebenfalls völlig alltägliche Sprache, wodurch dem Gedicht keine eigene sprachliche Wirklichkeit zukommt. Vielmehr stehen sämtliche Substantive in einem vollkommen eindeutigen Verhältnis zur äußeren Wirklichkeit: „rainbow“ meint buchstäblich den Regenbogen, „rain“ den Regen usw. Der tröstende Impetus des Gedichts ist nichts weiter als banalste Ratgeberweisheit, zusammengefasst: Auf ein Tief folgt ein Hoch. Ich habe die Gedichte wegen ihrer Kürze ausgewählt, sie sind aber repräsentativ für die Texte von Rupi Kaur auf Instagram; ich werde kein Buch von ihr kaufen und ich würde niemandem empfehlen ein Buch von ihr zu kaufen. Es ließe sich noch folgende Überlegung anstellen, die kulturkritisch klingt, aber nicht unbedingt so gemeint ist, und zwar: Rupi Kaurs Lyrik ist symptomatisch für die Aufmerksamkeit, die über soziale Medien hergestellt werden soll, sie ist einfach und bietet keinerlei Widerstand, sie ist ein einfaches Konsumprodukt. Der Erfolg ihrer Lyrik sagt etwas über heutige Mediennutzung aus, aber nichts über Lyrik.

 

Buchstabenfolgen XV

Der erste Beitrag aus dem Osten und direkt ein furchtbar langer Beitrag; wer sich die Mühe macht, dem sei gedankt; genauso willkommen sind Diskussionsanstöße; jetzt aber los: In der aktuellen Ausgabe des Magazins n+1 kann man eine Rezension zu Joseph Norths in diesem Jahr erschienenen Buch Literary Criticism. A Concise Political History lesen. Rezensent ist eines der Gründungsmitglieder des Magazins, Marco Roth. Ich kenne das Buch von North nicht, allerdings hat mir die Rezension genügend viele Ansatzpunkte gegeben, um erstens mein Unbehagen am gegenwärtigen Zustand der Literaturwissenschaft zu formulieren; zweitens, so glaube ich, wäre eine Wissenschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft zu schreiben, die in Anknüpfung an North versucht, die Situation für Deutschland zu klären; drittens, und das scheint mir eine dringende Frage für die Zukunft der Literaturwissenschaft, die sich aus den beiden vorangegangenen Punkten ergibt, wie soll das Verhältnis zwischen Forschung und Lehre zukünftig gestaltet werden. [Ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass es die Literaturwissenschaft nicht gibt, zu unterschiedlich sind die jeweilige Disziplingeschichten; allerdings, so wäre zumindest meine Überlegung, bewegt sich die Literaturwissenschaft, und zwar unabhängig ob sie anglistisch, romanistisch, komparatistisch oder germanistisch ist, immer weiter weg von ihrem namensgebenden Objektbereich, der Literatur, hin zu einer nur vage begriffenen Form von Kulturwissenschaft. Das ist soweit nichts Neues, vielmehr beabsichtigte Weiterentwicklung im Rahmen wissenschaftlicher Praxis. Eine solche Entwicklung muss aber nicht zwangsläufig für gut befunden werden und schon gar nicht als unabänderlich oder gelungen. Sofern ich also im Folgenden über Literaturwissenschaft schreibe, so sollte klar sein, dass es sich um eine Abstraktion handelt, die mir gleichwohl gerechtfertigt erscheint, da es um allgemeine Tendenzen gehen soll; Einzelfälle gibt es immer.]

Mein Unbehagen: Ich lehre gerne, der Umgang mit Studierenden macht Spaß und immer mal wieder hat man das Erfolgserlebnis, jemandem etwas beigebracht zu haben. Dabei kann ich mich aber, ähnlich wie viele meiner KollegInnen nicht des Eindrucks erwehren, dass immer mehr Studierende ein Fach wie Literaturwissenschaft wählen, ohne die entsprechenden Voraussetzungen auch nur ansatzweise zu erfüllen. Ungenaues Lesen, mangelndes Interesse, fehlende argumentative Fähigkeiten sowohl mündlich als auch schriftlich sind Merkmale eines Großteils der Studierenden. [Über die Gründe ließe sich trefflich diskutieren und natürlich habe ich auch ein bis zwölf Gedanken dazu, aber hier ist jetzt nicht der Ort.] Dass es sich so verhält ist Bestandteil jeder Klage mir bekannter LiteraturwissenschaftlerInnen, die auch in die Lehre eingebunden sind. Das führt dazu, dass in den ersten paar Semestern (etwa bis zum vierten) versucht werden muss, diese Defizite zu beheben. Wirklich rausschmeißen kann man die Studierenden nicht, da die Abschlusszahlen die kommende Budgetzuweisung bedingen. Also schleppt man einen Großteil ungeeigneter Studierende durch das Studium, mit mittelmäßigen Abschlüssen werden diese dann dem Arbeitsmarkt zu Verfügung gestellt. Sofern die Uni ihren Job gemacht hat, wurden den Abgängern wenigstens soft skills vermittelt, d.h. die Präsentation und Aufbereitung von Inhalten unter einer spezifischen Fragestellung. [Hoffentlich handelt es sich dabei wirklich um skills, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden, sonst hat man schnell Lebens- und Arbeitszeit verschwendet.] Eine besonders unschöne Folge ist Noteninflation, da niemand nicht den Abschluss machen soll, orientiert sich die Bewertung von Aufgaben und Hausarbeiten – bewusst oder unbewusst – immer auch an dem oben skizzierten Zusammenhang von Abschluss und Geld. Diese Noteninflation betrifft allerdings nicht mehr nur die B.A.- oder M.A.-Phase, sondern auch die Promotionen (dazu aber später mehr wenn es um Forschung geht). Wie soll die Lehre diesen Problemen begegnen? Kann sie das überhaupt? Und wer bestreitet eigentlich diese Lehre? Alles interessante Fragen, die verdienen beantwortet zu werden. Zuerst die mittlere Frage: Offenkundig kann sie das nicht, Abschlusszahlen und die vergebenen Noten verschleiern vielmehr einen Zustand der zunehmenden und, wahrscheinlich, sogar abnehmenden Mittelmäßigkeit angesichts einer kaum zu bewältigen Masse an unterqualifizierten Schulabgängern; so kurz, so richtig. Die erste Frage wird, ganz der Mode der Zeit gemäß, mit mehr Digitalisierung beantwortet. Inhalte mögen bitte so aufbereitet werden, dass die Studierenden sie am besten zu Hause vorm Rechner lernen können. Auf diese Weise lernen die Studierenden zwar nicht, wie man mit Literatur umgeht, aber man hält sie beschäftigt. Zugleich scheinen sämtliche dieser Innovationen dazu gemacht, Preise für innovative Lehre auszuloben, aber merkwürdig unangemessen wirken angesichts des Gegenstandes, nämlich der Lehre von Literatur. Es scheint die Auffassung vorzuherrschen, dass es ausreicht, wenn Studierende sich Inhalte selbstständig aneignen. Problematisch an dieser Auffassung ist, dass ohne vorherige Kenntnisse, wie sie eigentlich in der Schule, nun aber an der Universität vermittelt werden sollten, die Inhalte merkwürdig in der Luft hängen, wodurch einer der größten Mängel zum Vorschein kommt: der Mangel an historischem und literaturhistorischem Wissen, etwas was man früher, vielleicht altmodisch, Bildung genannt hat. [Ein kurzer Vorgriff: Bildung, schon gar nicht ästhetische Bildung vermittelt etwa über die Auseinandersetzung mit Literatur (oder Kunst, Musik, etc.), ist kein Ziel der Universität und mir scheint, dass es dafür wissenschaftsgeschichtliche Gründe gibt. Zudem hat mir bislang niemand plausibel erklären können, wie die Aneignung von Informationen, Inhalten o.ä. vonstattengehen soll, wenn man nicht vorher ein Fundament gelegt hat, eine Art Maßstab, der hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.] Mein Punkt ist, Digitalisierung ist keine ausreichende Antwort. Die Antwort auf die letzte Frage lautet zunächst einmal Professoren und Mitarbeiter, wobei man die Arbeit der Professoren dahingehend wohl einschränken darf, dass nicht wenige sich aus den eigentlich anstrengenden Einführungsveranstaltungen und Übungen raushalten. Damit bleibt die ärgerliche Arbeit an den wissenschaftlichen Mitarbeitern hängen, dem Mittelbau, wodurch es zu einer Trennung von Forschung und Lehre kommt, die v.a. deswegen ungerecht ist, dass sich die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihrer Jobs aufgrund von befristeten Verträgen nicht lange erfreuen können und aus demselben Grund aufgefordert sind sich wissenschaftlich weiterzuentwickeln, um irgendwann auf eine der wenigen Professorenstellen zu rücken (was offensichtlich zu keinem Zeitpunkt garantiert werden kann). Dass unter dieser Arbeitsbelastung – zu der noch Verwaltungsaufgaben und Prüfungsleistungen gezählt werden müssen – sowohl Lehre als auch Forschung hinsichtlich der Qualität leiden, dürfte ein langfristiger Effekt sein. Soviel zunächst zum Zustand der Literaturwissenschaft (betrifft höchstwahrscheinlich nicht nur die Literaturwissenschaft), der zunächst einmal hauptsächlich meine Erfahrungen und mein Unbehagen oder meine Unzufriedenheit wiedergibt.

 

In seiner Rezension führt Marco Roth aus, welche Frage North mit seiner ›politischen Geschichte‹ beantworten möchte: »How did literary studies come to turn away from an ›institutional program of aesthetic education‹ and embrace what he terms the ›historicist/contextualist paradigm‹?« Dieses Paradigma bestehe, in aller Kürze, darin, dass die Erzählweisen und unterschiedlichen Gattung aus der Literatur ein besonderes Archiv machen würden, das die Stimmen widerständiger, unterdrückter und marginalisierter Subjekte enthalte. Daraus folge: »Literary study is meant to produce a specific kind of knowledge about, or dialogue between, art and politics, North writes.« Und weiter: »Under the reign of historic-contextualism, literary study has merely become another means to learn about political and economic history.« Hierin liege der Wert von Literatur, und, so darf man wohl folgern, der Wert der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Literatur. Nun kann man fragen, was daran denn so schlimm sei, und grundsätzlich ist daran nichts oder nur sehr wenig bedenklich [auch wenn ich die damit verbundene Degradierung der Literatur zu einem speziellen oder privilegierten Wissensträger nicht mitgehen würde]. Auch könnte man fragen, ob das in dieser Weise auch für die deutsche Literaturwissenschaft Geltung beanspruchen könne [ich glaube nicht; vielleicht innerhalb anglistischer oder amerikanistischer Institute, was ja plausibel wäre]. Allerdings nennt die Rezension kurze Zeit später einen Grund, warum der eingeschlagene Weg womöglich nicht nur Heil bringt, den zumindest ich ernstnehmen würde. Wiederum Roth: »[…] the dominant trend over the past half-century has been toward the production of hybrid critical-scholarly works […] aimed at an increasingly small audience of similarly trained ›professionals in the field‹.« Es gehört zu den Eigentümlichkeiten wissenschaftlicher Publikationsweise, dass sich die eigenen Ergebnisse im Grunde nur an die eigene scientific community richten, niemals an ein Publikum außerhalb der Universität [nicht mal mehr an ein bildungsbürgerliches Publikum]. Und selbst die eigene scientific community stimmt ja nicht, da die theoretische Ausrichtung einer Arbeit darüber entscheidet, ob jemand, der in der Universität wissenschaftlich arbeitet, diese überhaupt wahrnimmt oder wahrzunehmen gewillt ist [allerdings sollte man diesen Punkt auch nicht zu sehr betonen, zeichnen sich gegenwärtig die Publikationen durch eine immer größere Homogenität aus]. Viel ist in den letzten Jahren über eine Legitimationskrise oder ein Legitimationsbedürfnis der Geisteswissenschaften – somit auch der Literaturwissenschaft – geschrieben worden, selten aber habe ich vernommen, dass darauf hingewiesen wurde, wie unlesbar literaturwissenschaftliche Arbeiten sind und wie sehr sie selbst an einem Publikum, das gerne Literatur mit einem großen L liest, vorbeigeschrieben werden. Potentiell steht das Lesen von Literatur jedem offen, nur die Wissenschaft, die sich dem Namen nach damit auseinandersetzt, verweigert sich dieser Öffentlichkeit. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der Organisation des wissenschaftlichen Publizierens. Verlage, die geisteswissenschaftliche Bücher veröffentlichen, arbeiten nämlich nur bedingt auf einen Markt hin; vielmehr hat sich Subventionsmodell durchgesetzt, bei dem die Autoren für die Publikation ihrer Arbeitsergebnisse selbst bezahlen [ob aus eigener Tasche, durch einen Druckkostenzuschuss, gewährt etwa durch eine Stiftung, oder durch Mittel aus einem Drittmittelprojekt ist dabei nur auf individueller Ebene wichtig]. Das stellt aber gerade junge Wissenschaftler vor die ›Herausforderung‹ ihre Dissertation auch als Buch veröffentlichen zu müssen, denn, zumindest ist es an der RUB so, den Titel darf man erst tragen, wenn die Dissertation bei einem Verlag, und – sofern man an einer Karriere in der Wissenschaft interessiert ist – dann auch noch möglichst bei einem guten, d.h. sichtbaren, Verlag angenommen worden ist [Kurze Abschweifung: Mit dem Geld, das man bezahlt, ist aber häufig noch kein Lektorat/Korrektorat abgedeckt, was die Kosten noch einmal steigert und was, vorausgesetzt man hat nicht vorgesorgt, zusätzlich bedacht werden sollte. Dieses Subventionsprinzip könnte darauf hindeuten, dass die Ergebnisse auch gar nicht für eine Öffentlichkeit gedacht sind, die allerdings mit Steuergeldern die Arbeit an Universitäten möglich macht.]

Ich komme auf den Ausgangspunkt dieses Teils zurück. Wenn ich es nicht vollkommen falsch verstanden habe, dann steht das von North/Roth vorgestellte ›historico-contextualist paradigm‹ nicht nur dafür ein, den Wert von Literatur darin zu entdecken, dass Literatur ein Archiv darstellt, aus dem sich politisches und ökonomisches (oder sonst ein) Wissen sowie die damit verbundenen Machtverhältnisse ablesen ließen. Literatur, oder richtiger der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur wird auf diese Weise zugleich politische Relevanz verliehen. In dieser Hinsicht lässt sich die Situation mit der in Deutschland vergleichen, allerdings mit Einschränkungen. Was den literary studies und den Literaturwissenschaften gemeinsam ist, ist die Fixierung auf Wissensformen oder Formen des Wissens oder Figurationen des Wissens oder Poetiken des Wissens oder Poetologien des Wissens sowie damit verbunden die Rede von Konstruktionen und Repräsentationen dieses Wissens. Der Unterschied, ein kleiner, aber durchaus wichtiger, besteht darin, dass ein politisches Element eigentlich, offiziell fehlt. Wissenschaft, und gerade auch die Literaturwissenschaft, ist aus historischen Gründen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg unpolitisch, zumindest ist das der offizielle Tenor. Aber nur ein kurzer Blick auf die Geschichte der Literaturwissenschaft seit WK2 sollte einen eines Besseren belehren. Ob ungewollt (etwa in den Karrieren hochrangiger Nazis) oder gewollt (etwa die aus der Studentenrevolte hervorgegangenen Bemühungen um eine materialistische Literaturwissenschaft), die Literaturwissenschaft war immer irgendwie politisch, und sie ist es auch heute noch, sofern man die spätestens seit den 1980er Jahren einsetzende Rezeption poststrukturalistischer Theorieangebote als irgendwie politisch verstehen will. ›Irgendwie politisch‹, weil die Lektüre von Foucault oder Derrida oder Deleuze/Guattari noch nicht politisch ist, aber man sich vorstellen kann, man machte etwas Politisches. Gegenwärtig trifft man auf Konferenzen nicht selten WissenschaftlerInnen [sowohl Nachwuchs als auch Professoren], die theoretisch avancierte Projekte oder Lesarten von Texten vorlegen und glauben hiermit lasse sich schon Politik betreiben. [Politische Arbeit, etwa die Mitwirkung in einer Partei oder Gewerkschaft, wird aber nahezu immer abgelehnt, und zwar nicht nur weil verständlicherweise häufig die Zeit fehlt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, dass zahlreiche WissenschaftlerInnen der Illusion aufsitzen, ihre symbolischen Gesten hätten Wirkung auf ein Außen. Wer sich für echo chambers interessiert, sollte sich an Universitäten umschauen; Internet braucht kein Mensch dazu.]

Der Ort, an dem es wieder politisch wird, ist die Universität als Institution. Die Umwälzungen, die die Universität in den letzten 25 Jahren durchgemacht hat, wurden immer mal wieder als Installierung neoliberaler Prinzipien beschrieben [und mit Blick auf befristete Verträge, Wettbewerb um Forschungsgelder, Akkreditierungen, bench marks, soft skills etc. lässt sich diese Beschreibung (und die implizite Wertung) kaum bestreiten]. Es wäre eine interessante wissenschaftsgeschichtliche Aufgabe herauszuarbeiten, wie eigentlich das Zusammenspiel aus externer Politik, Bildungspolitik und Hochschulpolitik mit der wissenschaftlichen Entwicklung zusammengehen, inwiefern es vielleicht eine merkwürdige Parallele zwischen der Umwandlung der Literaturwissenschaft in eine Medienkulturwissenschaft, die sich selbst als politisch [was in dem Fall häufig links heißt, sofern links überhaupt noch etwas heißt] versteht, und der Durchsetzung einer zunehmend neoliberaleren Politik gibt. Was beide gemeinsam haben, ist das Leistungsprinzip; kaum verwunderlich, dass Worte wie Exzellenz und Elite in beiden Sphären zuhause sind. Letzteres aber könnte dann ziemlich ernüchternd sein, denn Eliten stehen historisch gemeinsam auf einer Seite und die steht den Machtlosen, den Marginalisierten, den Unterdrückten gegenüber, denen die Sorge um angemessene Formen der Repräsentation solange unverständlich bleibt, wie die Rechnungen unbezahlbar bleiben. Wollte man zynisch sein, man könnte zu dem Schluss kommen, die Universität ist immer noch unpolitisch, zumindest was die Gegenwehr der Angestellten betrifft (und hier wären in erster Linie Professoren in der Pflicht gewesen).

Ein wissenschaftsgeschichtliches Forschungsprogramm könnte demnach in etwa so aussehen: Basierend auf Pierre Bourdieus Feldtheorie könnte man eine historische Rekonstruktion des literaturwissenschaftlichen Feldes nach 1945 anstreben. Bestimmte prominente Figuren (etwa Hans Robert Jauß) und der Versuch des Anschlusses an Positionen, die vor dem 2. Weltkrieg formuliert worden sind und somit politisch unverdächtig waren (etwa die Wiederentdeckung und Rezeption Walter Benjamins) könnten am Anfang einer Entwicklung stehen, die über die Rezeption französischer Theoriekonzepte (natürlich vermittelt über herausragende Forscherpersönlichkeiten) bis in die nahe Gegenwart führt. Unentbehrlich dabei wäre eine parallel verlaufende institutionengeschichtliche Entwicklung der Universität als Bildungsinstitution hin zu einer Ausbildungsanstalt sowie die Nachzeichnung der entsprechenden bildungspolitischen Entscheidungen, die zu dieser Veränderung geführt haben. Im Mittelpunkt stünde damit das Verhältnis von Autonomie des wissenschaftlichen Feldes und Heteronomie der von außen an die Universität und die Wissenschaft herangetragenen Ansprüche. Die Abwertung des Gegenstandes Literatur ist dann eine Folge unterschiedlicher historischer Stränge.

 

Zum dritten und letzten Punkt: Das Verhältnis zwischen Lehre und Forschung ist irgendwie schräg und gefährdet nicht zuletzt die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wenn es zutrifft, dass die Lehre gegenüber der Forschung benachteiligt wird und die Flucht ins Digitale für die Auseinandersetzung mit Literatur nicht sinnvoll ist, dann rückt, so merkwürdig und altmodisch es klingen mag, der Unterricht als Gespräch in den Mittelpunkt. Darüber hinaus verdienten es die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die sich hauptsächlich um die Lehre bemühen, langfristig abgesichert zu sein, d.h. die Abschaffung von befristeten Verträgen wäre eine notwendige Voraussetzung. Natürlich birgt eine solch klare Trennung von Forschung und Lehre die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in den Fächern, allerdings ginge es wohl eher um eine ausgewogene Gewichtung. Forschung profitiert von der Lehrbefreiung, was aber nicht heißt, dass Forscher niemals lehren sollen. Entscheidend ist, dass Lehre in gleichem Maße von der Forschungsbefreiung profitieren könnte, was wiederum auch nicht heißt, dass Wissenschaftler, die in erster Linie lehren, nicht auch wissenschaftlich publizieren sollen. Beide Möglichkeiten sollten gegeben sein, ohne dass die Leute unter der Arbeitslast zusammenbrechen. Eine solche Stärkung der Lehre, die eine Fokussierung auf Lesen und Schreiben eröffnet, könnte zudem den wünschenswerten Effekt wirklich gebildete Studierende hervorzubringen und damit wäre ein Beitrag zu einer aufgeklärteren Öffentlichkeit erzielt.

Nachtrag zu PSA 12/09/17

Wenn man, wie ich es unregelmäßig tue, etwas ins Internet schreibt, muss man mit Kritik rechnen. Im Folgenden gehe ich auf eine Kritik ein, die ich auf Facebook erhalten habe. Soviel sei vorweggenommen, ich stimme der Kritik nicht zu, nehme sie vielmehr zum Anlass, um das, was ich gestern geschrieben habe, präziser zu formulieren. Ich halte das für ein richtiges und wichtiges Vorgehen, gerade auch weil sich jemand die Mühe gemacht hat, einen Kommentar zu schreiben (auch wenn ich überzeugt bin, dass die Kritik nicht zutrifft). Zur besseren Transparenz und weil ich selber keinen Facebook-Account habe, werde ich zunächst die Kritik in Gänze zitieren, um dann darauf zu reagieren.

„schlechtes bis gar kein beispiel für systemischen rassismus, sondern alltagsrassismus. systemischer rassismus: keine arbeit, kein wahl- bzw. aufenthaltsrecht, keine stellen an hochschulen, höhere kriminalisierung und systematische ausbeutung der als nicht-deutsch markierten usw. ein „unsympathischer“ alter sack ist kein beispiel dafür.“

Soweit also die Kritik. Interessant an der Kritik ist der pauschale Ton. Während das individuelle Ereignis nicht als Beispiel für systemischen Rassismus gilt, werden Probleme, die ein Kollektiv betreffen, als Beispiele für diese Form des Rassismus angeführt. Denn, und ich entschuldige mich für die Pingeligkeit, systemischer Rassismus ist nicht „keine arbeit“ oder „keine stellen an hochschulen“, vielmehr handelt es sich um die sichtbaren Manifestationen, konkrete Effekte, die systemischer Rassismus hervorbringt, kurz, es handelt sich um Beispiele der Wirkung von systemischem Rassismus, allerdings nur als Abstraktion von den zahlreichen individuellen Erfahrungen, die als nicht-deutsch wahrgenommene Menschen tagtäglich machen. Worauf ich hinauswill (und im gestrigen Post nicht ausreichend oder überhaupt deutlich gemacht habe) ist, dass mir die Trennung von systemischem Rassismus und Alltagsrassismus nicht einleuchtet (womöglich als hypothetische Annahme, aber sonst…). Versucht man weniger definitorisch sorglos zu sein, als ich gestern gewesen bin, könnte man sagen, systemischer Rassismus seien die strukturellen und/oder institutionellen Bedingungen für die Diskriminierung von Nicht-Deutschen, die eben in einem Maßstab erfolgt, so dass Nicht-Deutsche konstant Erfahrungen von Ausweglosigkeit, Bevormundung, Demütigung machen. Rassismus als Wahrnehmungsmuster und Bedingung der Urteilslogik hat sich somit den Strukturen und Institutionen aufgeprägt, die soziale Systeme konstituieren und demnach ubiquitär sind. Dagegen steht, sofern man diese Trennung aufrecht erhalten möchte, die Vorstellung von Alltagsrassismus, die sich wahrscheinlich darin äußern soll, dass Nicht-Deutsche in Alltagssituationen mit Benachteiligung und Diskriminierung konfrontiert werden, wobei es sich, so könnte man es verstehen, nicht um tiefsitzenden, durch Pseudowissenschaft legitimierten Hass handelt. Eher, wobei ich wie gesagt nicht sicher bin, scheint es sich um habituelle Wahrnehmungs- und Handlungsmuster zu handeln, die in Alltagssituationen aktiviert werden und spezifische Vorurteile abrufen, wobei diese Individuen sich selbst wiederum nicht als Rassisten wahrnehmen.

Folgt man dieser Trennung, dann handelt es sich um verschiedene Phänomene, und hier liegt meiner Ansicht nach der grundlegende Fehler. Denn die Strukturen und die Institutionen werden erst wirksam durch das Handeln von Individuen und diese Individuen handeln gemäß (oder hoffentlich nicht nur in wenigen Fällen entgegen) der Bedingungen, denen sie aufgrund ihrer Position unterworfen sind. Oder sie handeln gemäß ihrer eigenen Vorurteile und werden von den Bedingungen entweder bestärkt oder (wiederum hoffentlich) sanktioniert. Das heißt es gibt ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis zwischen Alltag und System oder eine Verflechtung der beiden Phänomene bis zur Ununterscheidbarkeit, d.h. es ist nicht mehr relevant, wer die Henne ist und wer das Ei. Und hier liegt auch der Grund, warum ich das Verhalten des Arztes als systemischen Rassismus beurteilen würde. Hierbei handelt es sich um einen Mann in einer privilegierten machtvollen Position, die er nicht nur ausstellt, sondern zugleich und unnötigerweise rassistisch färbt. Und zu schlechter Letzt: Als ein Mann in dieser Position genießt er quasi Narrenfreiheit, denn mit Sanktionen wird er (wahrscheinlich) nicht rechnen müssen, und zwar aufgrund seiner systemisch gesicherten Position. Ein allerletzter Punkt: Was Alltags- und systemischem Rassismus darüber hinaus gemeinsam ist (und weswegen eine Trennung höchstens begrifflich sinnvoll sein könnte), ist das Schweigen der anderen, und in diesem Beispiel, mein Schweigen. Solche Strukturen bleiben nur bestehen, wenn man nicht dagegen vorgeht.