Nachtrag zu Buchstabenfolgen XI

(Da sich zwei Kollegen die Mühe gemacht  und die Zeit genommen haben, den gestrigen Post auf Facebook zu kommentieren [auch wenn es sich streng genommen bei dem einen Kommentar um einen Meta-Kommentar zu dem ersten Kommentar handelt], möchte ich heute kurz auf beide eingehen; da wir wohl alle auf der gleichen Seite stehen, somit nicht grundsätzlich verschiedener Meinung sind, sollte das mit dem Kurzhalten nicht allzu schwierig sein)

Als Kommentar zum gestrigen Post wurde angemerkt, dass wohl auch die Medienproduktion einer paranoiden oder paranoischen Logik folge, wodurch ich am Ende meines Posts noch einmal den Bogen zum Anfang hätte schlagen können. Der weitergehende Kommentar zu diesem Kommentar stimmte dahingehend nicht zu, dass die Medienproduktion wohl schlicht einer marktwirtschaftlichen Logik folge, um Klickzahlen zu generieren. Problematisch daran sei, so der Kommentar weiter, dass die Medien auf diese Weise das Spiel Trumps mitspielten anstatt über ›wichtige‹ Dinge zu berichten, die reale Konsequenzen zeitigten. Beide Positionen erscheinen mir als Anmerkungen plausibel, wobei ich zwischen beiden keinen Gegensatz ausmachen würde. Let me explain:

In einer weniger nachrichtenhektischen Zeit konnte Jerry Seinfeld noch folgenden Witz machen (und ich entschuldige mich für die Paraphrase eines Witzes, die natürlich die Pointe des Witzes verfehlen muss): Beim Anblick einer Zeitung verwundere ihn immer, dass sich täglich genau soviel ereigne, wie in der Zeitung auftauche; es gebe nämlich keine letzte Seite einer Zeitung, die bis auf eine Meldung oben links vollkommen leer bleibe. Man kann an diesem Witz ermessen, wie sehr sich die Medienproduktion geändert hat. 24-hours-news-cycles können nicht davon absehen, dass vielleicht einmal nichts passiert; sie müssen ihr Programm füllen und so werden aus Mücken Elefanten bzw. aus einem Händedruck eine Nachricht gemacht. Damit liegt der Schluss nahe, dass Nachrichten warenförmig geworden sind (wobei sie das auch in früheren Zeiten schon gewesen sind), allerdings ist die Notwendigkeit zur Produktion als Nachricht als Ware erheblich dringender geworden (Stichwort marktwirtschaftliche Logik, Klickzahlen etc.). Wenn also ökonomische Parameter darüber entscheiden, was eine Nachricht ist bzw. dafür gilt, kann man sich fragen, warum das so ist. Und an dieser Stelle würde ich gerne die paranoide oder paranoische Logik stark machen. Folgt man nämlich der Einsicht Luhmanns, dass Medien sich gegenseitig beobachten, dann kann man schließen, dass es im Grunde nicht darauf ankommt, eine Nachricht zu produzieren, sondern darauf eine Nachricht als erster zu produzieren, um auf diese Weise das Tagesthema bestimmen zu können und die Konkurrenten dazu zu bringen, dass diese sich auf eben die eigene Nachricht beziehen müssen, und zwar unabhängig davon, ob man ihr zustimmt oder dagegen argumentiert (nicht zuletzt darin liegt der Erfolg eines Unternehmens wie FOX News begründet). Zwischen marktwirtschaftlicher und paranoischer Logik besteht demnach kein sich ausschließender Gegensatz, sondern ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis (Fun fact: Wenn man sich nun unbedingt fragen möchte, wer hier Huhn und wer Ei gewesen ist, dem sei die Groteske Anchorman 2 ans Herz gelegt, der bemerkenswerterweise eine recht plausible Darstellung über die Gründe für dieses Bedingungsverhältnis liefert).

Wie aber mit dieser Form der Produktion von Nicht-Nachrichten umgehen? Ist denn die Händeschüttelei von Trump nicht viel unwichtiger als etwa die Finanzierung oder Durchsetzung der neuen Krankenversicherung? Trübt einem nicht die Nebelkerze, die Trump gezündet hat, den Blick für die eigentlich relevanten Dinge? Natürlich tut sie das und natürlich könnte man darüber nicht berichten (und in der jetzigen Form sollte man es vielleicht auch unterlassen). Man könnte aber auch den gegenteiligen Weg einschlagen und anhand des Händedrucks versuchen, diesen gesamten Komplex zu analysieren, zeigen, warum die Medien sich darauf stürzen, zeigen, warum genau das im Interesse Trumps liegt, zeigen, welche Logiken bei der Produktion und Verbreitung von Nachrichten wirksam sind. Das wäre dann aber auch etwas anderes als Nachrichtenproduktion, das wäre dann, wohl verstanden, Journalismus. Diesem aber fehlt eine grundsätzliche Währung – was niemanden überrascht und auch wirklich keine neue Erkenntnis ist: Zeit.

Buchstabenfolgen XI

Erinnern Sie sich an die Fernsehbilder von Donald Trumps Händeschüttelei? Das Thema ist kürzlich wieder hochgekommen, da Trump sich geweigert hat, die Hand der Bundeskanzlerin für ein Foto zu schütteln. Erstaunlich daran ist vieles. Zunächst einmal ist es erstaunlich, dass dieser Kleinigkeit, einem Händedruck, soviel Aufmerksamkeit geschenkt wurde (verwunderlich allerdings nicht, da Nachrichten als Warenform darauf angewiesen sind, aus Mücken Elefanten zu machen); erstaunlich auch, dass die mediale Aufmerksamkeit, die einem solchen Detail zuteil geworden ist, den Mechanismus, der darin zum Ausdruck kommt, schlicht übernimmt, handelt es sich doch um die Art von Machtgeste, die Männer gegenüber anderen Männern an den Tag legen, und die ein Grund dafür ist, warum man den Mikrokosmen der Firmen und Unternehmen und den dazu gehörigen semiotischen Praktiken skeptisch gegenüber treten sollte; wenig überraschend hingegen, dass Donald Trump diese Machtgeste gegenüber einer Frau unterlässt, wahrscheinlich jedoch nicht aus Höflichkeit, sondern aus Geringschätzung. Für Außenstehende hingegen, für die, die nicht Teil des inneren Kreises sind, kann dieses Gehabe bloß lächerlich wirken, wobei es wiederum erstaunlich ist, dass nicht wenige an die Substanz, an die normative Geltung dieser Form ritualisierter Breitbeinigkeit glauben, ja ein Teil davon sein wollen.

Donald Trump ist ein Relikt der 1980er Jahre. Schaut man sich die Fernsehbilder der peinlichen Händeschüttelei an, kann man kaum den Gedanken unterdrücken, dass dieser Mann (repräsentativ für viele ›mächtige‹ Männer) die Dinge wirklich glaubt, die in einem Buch wie The Art of the Deal stehen. Management-Bücher führen die Kodifizierungen eines bestimmten Verhaltens vor, das den Leser im Job erfolgreich machen soll. Wie gehe ich mit Untergebenen um? Wie mit geschäftlichen Rivalen? Dabei wird der eigene Körper zu einem bedeutungsvollen Zeichen (es ist kein Zufall, dass Trump seinen Gegenüber zu sich hinzieht), jede Geste ist sorgfältig choreographiert und mit einer spezifischen Wirkungsabsicht ausgeführt, immer geht es um die Kontrolle der Situation, um Einsätze, um Strategien (ein Grund weshalb der Titel von Trumps Buch wenig originell The Art of War anklingen lässt). Darin äußert sich, wiederum wenig subtil, die kolossale Bedeutung, die man der eigenen Existenzweise beimisst: Es geht darum Feldherr zu sein, den Feind zu überlisten, zu täuschen, und Freunde nur solange zuzulassen bis sie selbst zu Feinden werden. Gerne übersehen wird dabei, dass Krieg idealerweise einen Ausnahmezustand darstellt, während man sich die ›Business‹-Welt als kriegerischen Dauerzustand vorzustellen hat, eine Art Hobbesschen Naturzustand oder einen Darwinesken Selektionskampf um die begehrten Schätze. Es ist nur angemessen, dass Martin Scorsese die Geschichte vom WOLF of Wallstreet verfilmt hat. Die Autosuggestion, derer sich die Ratgeberbücher bedienen und die die Fiktionen über Geschäftsleute trägt, besteht nicht zuletzt darin, bestimmte Eigenschaften des Menschen als anthropologische Konstanten oder Invarianten zu behaupten. Gordon Geckos »Gier ist gut« formuliert ja nicht nur eine zweifelhafte Tugend; Gier wird vielmehr als ein Grundbedürfnis des Menschen gesetzt und passenderweise antwortet Scorseses Film Oliver Stones Film damit, dass Gier schlecht sei, aber eben dem Menschen inhärent, ein Teil seiner Natur, wodurch das kapitalistische System am Kacken gehalten werde. Die Naturalisierung der Ökonomie, vorbereitet und verbreitet durch die ubiquitäre Metapher des ›Wachstums‹, findet ihre Vollendung in der Behauptung, der Mensch könne nicht anders, es liege in seinen Genen, immer mehr zu wollen, was nicht zuletzt heißt, immer mehr als die anderen besitzen zu wollen.

Der freie Markt appelliert somit an unsere Natur und da er Wettbewerb und Rivalität fordert (und fördert und belohnt) ist er zudem in hohem Maße paranoid. Die bereits angesprochene Semiotik, die sogar den Körper als bedeutungsvolles Zeichen reproduziert, führt zu einem dauernden Prozess der Beobachtung, und zwar von sich selbst und den anderen. Der Trumpssche Katechismus, wonach man sämtliche gesellschaftlichen Felder nicht bloß wie ein ›Business‹ behandeln könne, sondern müsse, findet seinen angemessenen Ausdruck in Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho (1991). Vor allem aber stellt dieser Roman ein bemerkenswertes Beispiel für die Form dauernder und allumfassender Beobachtung dar, die konstitutiv für die, ja warum nicht?, neoliberale Wirtschaftsordnung ist. Ein Beispiel:

»The three of us, Todd Hamlin and George Reeves and myself, are sitting in Harry’s and it’s a little after six. Hamlin is wearing a suit by Lubiam, a great-looking striped spread-collar cotton shirt from Burberry, a silk tie by Resikeio and a belt from Ralph Lauren. Reeves is wearing a six-button double-breasted suit by Christian Dior, a cotton shirt, a patterned silk tie by Clairborne, perforated cap-toe leather lace-ups by Allen-Edmonds, a cotton handkerchief in his pocket, probably from Brooks Brothers; sunglasses by Lafont Paris lie on a napkin by his drink and a fairly nice attaché case from T. Anthony rests on an empty chair by our table.«

Daran schließt sich noch die Beschreibung der Kleidung des Ich-Erzählers Patrick Bateman an. Wer den Roma kennt, weiß, dass der Text mit diesen listenartigen Beschreibungen bis zur Ermüdung gefüllt ist. Interessant daran ist, dass die Beschreibung des Ich-Erzählers sich nicht darin erschöpft, die Details der Kleidung wie Farbe, Muster, Material wahrzunehmen, sondern immer auch die Marke nennt. Das aber heißt, es geht hier nicht nur um eine Beschreibung, sondern es geht um die Zurschaustellung von Wissen, um genau zu sein, eines eingeweihten Wissens. Die Wahl der Kleidung von bestimmten Designern unterliegt einem Mechanismus der Anerkennung, dass es richtige und falsche Kleidung gibt; es geht nicht allein um Aussehen, sondern um das Wissen eines spezifischen Codes oder Reglements gegen das man besser nicht verstößt, möchte man dazu gehören. Damit dieses Reglement funktionieren kann, muss man sich und andere beobachten, muss kleinste Abweichungen registrieren. Und es ist diese ständige Beobachtungssituation, die paranoid genannt werden kann. Die neue Arbeitswelt ist paranoid und dieses Verhaltensmuster in den Bereich der Politik zu übertragen ist überaus gefährlich.

PSA 30/01/2017

Falls das weltpolitische Geschehen noch nicht ausreichend Gelegenheit zum Kotzen bietet, schlage ich vor, Folgendes aufmerksam zu lesen. Und sollte noch jemand behaupten, dass es ausschließlich darauf ankomme, Schülern beizubringen, wie man das Internet benutzen solle, der möge diesen Artikel aus dem Guardian lesen https://www.theguardian.com/world/2017/jan/22/online-conspiracy-theories-feed-holocaust-denial

Die Leugnung des Holocausts, in Deutschland zu Recht unter Strafe gestellt, gewinnt, so der Artikel, immer mehr Anhänger im Internet. So schlimm, so scheiße. Nun kann man natürlich über die Gründe diskutieren und es wäre kurzschlüssig, wollte man ausschließlich das Internet dafür verantwortlich machen. Richtiger wäre es, wenn man darauf hinwiese, dass die in der Schule vermittelte Bildung nichts wert ist, vor allem und gerade auch in Hinsicht auf die Vermittlung der historisch belegten und durch die DEUTSCHEN betriebenen Vernichtung der europäischen Juden. Es gilt an dieser Stelle kurz innezuhalten und erneut auf das Offensichtliche hinzuweisen, nämlich: Das historische Geschehen der Shoah war ein DEUTSCHES Verbrechen an den europäischen Juden. Dass es stattgefunden hat, ist unbestreitbar. Dass sich politische Entscheidungsträger auf den Holocaust berufen, um gegenwärtige Entscheidungen zu rechtfertigen, ist verständlich, funktioniert aber in den seltensten Fällen (und ja, hier ist der unsinnige Superlativ von selten einmal sinnvoll). Warum? Weil die Dimension des Ereignisses, das unter dem Namen Auschwitz firmiert, keinen Vergleich kennt und weil das, wofür die Shoah steht, sich nicht wiederholen kann und wird. Wenn also Joschka Fischer in seiner Zeit als Außenminister den Kriegseinsatz deutscher Bodentruppen im Rahmen des Kosovo-Krieges 1999 mit den Worten begründet: „Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“, dann stellt sich nicht die Frage, warum er Auschwitz nennt. Als deutscher Nachkriegspolitiker instrumentalisiert er Auschwitz als moralische Stütze, um seiner Entscheidung die notwendige Autorität zukommen zu lassen. Wer würde schon ein zweites Auschwitz wollen? Dass Faschismus und Völkermord als Begründungen nicht ausreichen, um die zweifelhafte Entscheidung für einen militärischen Einsatz zu legitimieren, erscheint bemerkenswert.

Springen wir ins Heute. Vor drei Tagen war Holocaust Memorial Day und die derzeitige politische Führung der Vereinigten Staaten hat ein Statement dazu veröffentlich, in dem sie auf die Nennung von Juden, Judaismus oder Antisemitismus verzichtet hat. (bitte lesen: https://www.theguardian.com/us-news/2017/jan/27/white-house-holocaust-remembrance-day-no-jews). Das ist, euphemistisch formuliert, eine Riesendummheit und obszön in Anbetracht dessen, dass der Holocaust die Vernichtung der europäischen Juden bezeichnet. Es passt aber in einen sich langsam, aber stetig vollziehenden Deutungswandel, weg von dem DEUTSCHEN Verbrechen an den europäischen Juden hin zu einem Verbrechen an der Menschheit (dass den Nazis natürlich auch andere Menschengruppen zum Opfer gefallen sind wie Sinti und Roma, Geisteskranke und Behinderte sowie politische Gegner soll, kann und darf nicht bestritten werden). Ein solcher Deutungswandel ist gefährlich, da historisches Wissen durch eine vage Ethik des Niemals-wieder ersetzt wird, eine Ethik, die natürlich überhaupt keine Anwendung findet. Die Liste von Völkermorden im 20. und sogar im 21. Jahrhundert ist lang. Wie ekelhaft die Instrumentalisierung des Holocaust allerdings funktionieren kann, beweist Paul Ryan, seines Zeichen hohes Tier bei den Republikanern und Speaker of the House. Ich bitte darum seinen Twitter-Account aufzusuchen und die Tweets vom 27. Januar zu lesen (hier Klick machen: https://twitter.com/SpeakerRyan). Folgender Tweet findet sich dort: “On this #HolocaustMemorialDay, we remember the millions of innocent lives lost, and pledge #NeverAgain” Natürlich warden am Holocaust Memorial Day nicht die Juden erwähnt, warum auch? Wenn man das schon bescheuert und obszön findet, sollte man nicht darauf achten, von welchen Tweets der oben zitierte gerahmt wird (und wer hier an Zufall glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen). Darunter findet sich folgender Tweet: „Today, as we #MarchforLife, it’s a new dawn for the unborn”, darüber das hier: “We march to defend the rights of those who cannot defend themselves #MarchforLife #WhyWeMarch” Der Aufruf, dass man die Tötung von Millionen unschuldiger Menschen (aka Juden) erinnern und schwören solle, dass das nicht wieder geschehen wird, wird gerahmt von Pro-Life und Anti-Abortion Tweets, wodurch die industrielle Tötung der Juden mit der Abtreibung von Föten wenn nicht gleichgesetzt, aber doch assoziativ in Verbindung gebracht wird! Und ja, jetzt ist der Punkt zum Kotzen erreicht. Bitte, ich warte.

Die Gleichsetzung oder Assoziation (wobei ich eher an Gleichsetzung glaube) ist obszön. Sie beweist, dass dieser republikanische Politiker kein historisches Wissen besitzt und kein moralisches Urteilsvermögen. Den Holocaust zu instrumentalisieren, um seine politische Agenda voranzutreiben, ist falsch, besonders ekelhaft allerdings in diesem Fall, da die Frauen, die, aus welchen Gründen auch immer, abgetrieben haben, auf eine Stufe mit staatlichen Massenmördern gestellt werden. Ryan beweist, dass er keine Ahnung von der Shoah hat und das ist das Bedenkliche.

Ich empfehle Paul Ryan und allen, die den Holocaust instrumentalisieren wollen oder schlicht leugnen, die Lektüre von Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden. Es folgen Auszüge: „Der Vernichtungsvorgang war eine Kombination aus genau berechneter physischer Gewalt und psychologischer Steuerung. Jeder Schritt – von der Entladerampe bis zu den Gaskammern – wurde von den Bewachern mit einer Abfolge präziser Befehle gelenkt. […] Der erste Schritt in diesem genau vorausgeplanten Ablauf war die Benachrichtigung des Lagers vom bevorstehenden Eintreffen eines Transports. Ihr folgte der Befehl an die Wachen und Häftlinge, die an der Aktion mitwirken sollten, sich bereitzuhalten. Jeder wußte, was geschehen würde und was er zu tun hatte. Von dem Augenblick an, in dem die Türen eines Zuges geöffnet wurden, hatten seine Insassen bis auf einige Ausnahmen noch etwa zwei Stunden zu leben. […] Die von Lebenden und Toten geräumten Waggons wurden anschließend in eine Anlage gebracht, in der sie zur Entseuchung begast wurden. An einem heißen Tag öffnete ein Ladearbeiter einen Waggon und erschrak zu Tode – ihm fiel eine schwarz angelaufene Leiche entgegen. Der Waggon war voll mit Toten, die das Lagerpersonal auszuladen vergessen hatte. Nach der Entladung der Züge erfolgte eine doppelte Selektion. Alte, Kranke und gelegentlich auch kleine Kinder wurden bereits auf dem Bahnsteig ausgesondert. In Belzec mußten sich die Kranken vor einer Grube auf den Bauch legen; sie wurden erschossen. In Sobibor, wo Alte und Kinder auf Lastwagen verladen wurden, versuchten die Wachen ab und zu, die Säuglinge aus einiger Entfernung auf die Ladefläche zu werfen. In Treblinka wurden diejenigen, die nicht mehr gehen konnten, zur Erschießung zu einer Grube in der Nähe des Krankenreviers gebracht. Von der ersten Auschwitzer Rampe wurden die Alten und Kranken auf Lastwagen zu den Gaskammern gebracht. […] Vor Weihnachten 1944 wurden 2000 jüdische Frauen in Block 25 gesteckt, der eigentlich nur für 500 Häftlinge gedacht war. Dort blieben sie zehn Tage eingesperrt. Durch eine Öffnung in der Türe schob eine Feuerwache Suppenkessel. Nach zehn Tagen waren 700 tot. Die übrigen wurden vergast. […] Wenn die Opfer von Auschwitz nacheinander die Gaskammer betraten, entdeckten sie, daß die vermeintlichen Duschen nicht funktionierten. Draußen wurde der Hauptschalter betätigt, um die Beleuchtung abzustellen, und ein Rot-Kreuz-Wagen mit dem Zyklon fuhr vor. Ein SS-Mann, der eine Gasmaske trug, die mit einem Spezialfilter versehen war, hob den Glasverschluß über einem vergitterten Schacht ab und schüttete einen Zyklon-Kanister nach dem anderen in die Gaskammer. […] Auf der Flucht vor dem aufsteigenden Gas stießen die Stärkeren die Schwächeren nieder und stellten sich auf die Liegenden, um gasfreie Luftschichten zu erreichen und so ihr Leben zu verlängern. Der Todeskampf dauerte etwa zwei Minuten; dann hörte das Schreien auf, und die Sterbenden fielen übereinander. Innerhalb von fünfzehn (gelegentlich auch fünf) Minuten waren alle in der Gaskammer tot. Nun ließ man das Gas entweichen, und nach etwa einer halben Stunde wurde die Tür geöffnet. Die Leichen fanden sich turmartig aufgehäuft, manche in sitzender oder halbsitzender Position, Kinder und ältere Menschen zuunterst.“

 

PSA 27/01/2017

Heute Politik: Im jahr 2008 ereignete sich eine bizarre Szene: Nach der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde auf der Arbeit Sekt ausgeschenkt, endlich war Jorge Dabbel-Ju abgewählt und eine bessere Zeit würde anbrechen. Ist danach eine bessere Zeit angebrochen? Zum Teil sicherlich. Innenpolitisch konnte die Obama-Administration nicht nur eine allgemeine Krankenversicherung durchsetzen (known as Obamacare or Affordable Care Act), auch die Stärkung der Rechte der LGBT-Community sowie die Institutionalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe können als große Erfolge von Obamas Regierungszeit gezählt werden. Auch, und das ist wichtig, sollte der Einsatz Obamas und seiner Regierung in ökologischen Fragen nicht unberücksichtigt bleiben, selbst wenn auf diesem Gebiet immer mehr zu schaffen wäre als avisiert wurde. Nach dem dunklen Zeitalter der Bush-Regierung mit ihrer ekligen Rhetorik, ihrer Befürwortung von Foltermethoden sowie den Kriegen im Irak und in Afghanistan würde endlich wieder eine menschenfreundlichere Politik von den USA ausgehen.

Angesichts der shitshow, die der Donald während seines Wahlkampfes begonnen hat und nun nahtlos in seiner Präsidentschaft weiterführt, erhält diese Sicht auf Obamas Jahre als Präsident zusätzlichen Glanz. Gerade wenn man sich die rhetorischen Fähigkeiten des Donalds vor Augen führt, weint man Obama bittere Tränen nach. Fraglich bleibt allerdings, ob man Barack Obama auch politisch nachweinen sollte. So beeindruckend sich die Erfolge ausnehmen (gerade auch gegen den Widerstand gedankenloser und nicht selten hasserfülletr Republikaner durchgesetzt), man sollte nicht vergessen, wofür die amerikanische Regierung unter Obama auch gestanden hat: keine Schließung von Guantanamo, den Einsatz von Drohnen zur Kriegsführung, keine dauerhafte Regulierung der Banken, ein TTP-Abkommen, das zahlreiche Standards des Verbraucherschutzes ausgehebelt hätte. Als Nicht-Amerikaner kann man die amerikanische Außenpolitik der Obama-Jahre nur bedingt gutheißen und einer Fortführung dieser Politik unter Hillary Clinton hätte man nicht zustimmen mögen. Sowohl Obamas als auch Clintons Außenpolitik wurden bzw. würden von einem ähnlichen Glauben an american exceptionalism getragen wie die Politik des Donalds, mit dem Unterschied, dass die amerikanischen Bürger gerade bemerken, was heißt, wenn der Glaube an die Außergwöhnlichkeit Amerikas innenpolitisch und wahrscheinlich zum Schaden von tausenden von Menschen zum Tragen kommt.

Was mich persönlich immer am meisten an der Obama-Regierung gestört hat, ist der scheinbar unideologische Pragmatismus, der Obama am ehesten vergleichbar mit Angela Merkel macht. ich schreibe scheinbar, weil das in verschiedenen Reden immer wieder von ihm wiederholte Credo, wonach sich die Menschen nur anstrengen müssten, dann würden sie auch belohnt, Obama, vor allem aber die demokratische Partei blind gemacht hat für die realen systemischen, öknomischen und ethnischen Verwerfungen ihres Landes. Zugleich hat diese Form des Pragmatismus, die meritokratische Ideologie, ein Vakuum geschaffen, in dem sich populistische Bewegungen etablieren und zu gefährlichen politischen Akteuren werden konnten. Politik aber kommt ohne Ideologie nicht aus, sofern man darunter so etwas wie eine Vision für eine andere (hoffentlich bessere) Gesellschaft versteht (etwas, was der deutschen Sozialdemokratie effektiv durch Helmut Schmidt ausgetrieben worden ist, weshalb sie jetzt auch verdientermaßen um die 20% Wählerzuspruch erhält). Sofern Meritokratie dafür steht, dass der Einzelne durch ausreichenden Leistungswillen gesellschaftlichen, ökonomischen Erfolg verdient, erscheinen Erwägungen darüber, wie sich dieser Leistungswille äußert oder inwiefern die eigene Leistung zum Gelingen gesellschaftlichen Zusammenlebens beiträgt, zweitrangig. Von Rechts hört man, wie ein Land aussehen soll, indem auf bessere, vergangene Zeiten hingewiesen wird, die man zurückhaben wolle. Von Links hört man nichts, oder zumindest nichts, was eine Diskussion wert wäre. Es ist Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Buchstabenfolgen X (mit einem nicht geringen Anteil über Bildfolgen, da das Beispiel im Folgenden vor allem ein Comic ist)

Am vergangenen Wochenende an einem Workshop teilgenommen und währenddessen einen Vortrag über Fanfiction gehört. Nun bin ich durchaus Fan von vielen Dingen, aber auf die Idee, etwas zu schreiben, was in einem lange etablierten, fiktiven Universum spielt, bin ich bislang nicht gekommen. Das mag an meinem Desinteresse an der Gattung liegen, die in ästhetischer Hinsicht nur vereinzelt überzeugen vermag. Allerdings interessiert mich der Mechanismus des Weitererzählens anhand bekannter Versatzstücke und in der Diskussion des Vortrags wurde die Frage gestellt, ob es bestimmte Erzählungen, die sich besser eigneten als andere. Die Antwort des Vortragenden überzeugte mich nicht völlig, aber während der Diskussion hatte ich auch kein besseres Angebot (man ist ja manchmal vernagelt). Beim weiteren Nachdenken auf der Heimfahrt und zu Hause stellte ich mir wiederholt die Frage, welches Element die Geschichten von Sherlock Holmes, Harry Potter, 50 Shades of Grey oder eben Batman (sämtliche Beispiele aus dem Vortrag) miteinander verbinden würde. Ich hatte mir bereits während des Vortrags die Notiz „Mythos/mythisches Erzählen“ gemacht und ich glaube nun, dass damit eine plausible Antwort gegeben werden kann. In vergleichbarer Weise wie die antiken Mythen, die etwa im griechischen Drama wiederholt dargestellt wurden, sind die einzelnen narrativen Elemente der jeweiligen Erzählung bekannt und können somit als Fundus bei den Lesern vorausgesetzt werden. Es liegt demnach an der relativen strukturellen und narrativen Einfachheit, die eine Rekombination immer wieder ermöglicht, eine Einfachheit, die hier nicht wertend gemeint ist, etwa im Gegensatz zu komplexer Hoher Kunst bzw. Literatur (wobei man natürlich festhalten kann, dass es etwa keine Fanfiction [zumindest in irgendeinem nennenswerten Ausmaß] zu Prousts Recherche oder Kafkas Das Schloß gibt). Ein Beispiel, das mir nahe liegt, ist die mythische Erzählung von Batman (die Comics als solche zu bezeichnen ist natürlich nicht besonders originell, hat Umberto Eco bereits mit Superman gemacht; zugleich bin ich kein Experte für Batman, auch da gibt es Leute, die über mehr Expertise verfügen), jedoch bin ich ein Fan von Batman (wofür es wahrscheinlich irgendwelche psychologischen Gründe gibt, die hier zu entfalten weder mich noch etwaige Leser interessieren dürften). Zu den grundlegenden narrativen Merkmalen gehören etwa die Geschichte vom gewaltsamen Tod von Bruce Waynes Eltern und der darauf folgende Entschluss, selbst zum Jäger zu werden, sowie die verschiedenen Fehden mit den zahlreichen bunten, larger-than-life-Kriminellen. Damit ist ein weiteres strukturelles Element genannt, nämlich das gleichermaßen große und doch beschränkte Personal, das immer wieder zum Einsatz kommt (nicht anders verhält es sich mit dem Personal in antiken griechischen Dramen, das sowohl bekannt ist als auch variiert eingesetzt wird, d.h. in unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen immer wieder vorkommt [vgl. etwa die Figur der Medea bei Euripides, Seneca und Ovid sowie dann später bei Pasolini oder Christa Wolf]). Im Falle von Batman gibt es darüber hinaus als narratives Schema die klassische Detektivgeschichte (und wenn Zack Snyders gar nicht so guter Batman vs. Superman eine Sache richtig gemacht hat, dann dass der Film Batman als jemanden zeigt, der angewiesen ist auf sein technisches Wissen, etwa so wie es auch Sherlock Holmes ist). Dabei leistet, wenn ich den Informationen aus dem genannten Vortrag vertrauen kann, Fanfiction mehr bzw. anderes als die professionellen Erzählungen der kommerziellen Autoren, indem sie die genannten Elemente verwendet und stellenweise gegen den Strich liest (so etwa die zahlreichen homosexuellen Darstellungen der Beziehungen zwischen Holmes und Watson oder Batman und Robin). Da kommerzielle Popkultur tendenziell konservativ ist, da sie nicht darauf verzichten kann, Leser für ihre Produkte zu gewinnen, oder richtiger zu behalten, sind allzu gewagte inhaltliche oder formale Experimente schwieriger durchzusetzen (was natürlich nicht heißt, dass sie unmöglich sind, nur unwahrscheinlicher, wobei die Verlagsindustrie dazu gelernt hat). Aber bedenkt man die Diskussionen, die inhaltliche und formale Experimente mit bekanntem Ausgangsmaterial nach sich ziehen können und nach sich gezogen haben, dann kann man sich des Eindrucks einer tendenziell konservativen Haltung zu den Dingen auf Seiten der Fans nicht erwehren. Ob diese Art des Konservativismus womöglich männlich kodiert ist, vermag ich nicht zu beurteilen (eine Ahnung sagt mir, wahrscheinlich ja), ob dieser Konservativismus auch eine politische Färbung enthält, ist eine weitergehende interessante Frage, die ich dieses Mal eindeutig mit Ja beantworten würde. Die Reinheit eines Textes zu behaupten und bestimmte Aneignungsweisen eines solchen Textes zu verdammen, läuft auf Ausgrenzung hinaus und die gilt es zu vermeiden. Wenn Fanfiction nicht als ästhetisches Phänomen interessant ist, ist sie es als soziologisches, indem sie andeutet, wie mit kulturellen Dingen umgegangen werden kann. Solange Fanfiction sich aber ausschließlich an Popkultur abarbeitet, bleibt sie selbst marginal, eingeschlossen in die Kreise, die von der Notwendigkeit, der Richtigkeit und der bloßen Möglichkeit sowieso überzeugt sind.

Buchstabenfolgen IX

Ich bin zwar nicht der Sohn eines Predigers, aber ich teile gerne mal mit, was ich mir so zusammendenke und da es heute um Political Correctness gehen soll, möchte ich den Einstieg in diesen Beitrag über eine Anekdote versuchen (dabei ist mir natürlich klar, dass persönliche Erlebnisse und Erfahrungen nur bedingt mit den Erfordernissen sachlicher Argumentation zusammengehen, da sich mindestens eine Gegenerfahrung immer anführen lässt). Also, Anekdote: Vor geraumer Zeit habe ich an einer Tagung teilgenommen, auf der eine junge, weiße Frau einen Vortrag u.a. über Frantz Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde. Damit das Publikum ihre Argumentation nachvollziehen konnte, zeigte sie die längeren Zitate mit Hilfe einer Power Point Präsentation. So weit, so gut. Die Kinnlade krachte mir in dem Moment runter als sie ein Zitat aus Fanons Buch zeigte, dass das Wort ›Neger‹ enthielt. Halt, so ganz stimmt das nicht, denn das Zitat zeigte das Folgende: Anstelle des Wortes ›Neger‹ stand dort N****. Ich habe mich damals sehr geärgert und auch heute noch ärgert es mich, da ich es als ungerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden Eingriff in einen Text ansehe. Ich kann keinen Grund erkennen, der es legitimieren würde, quasi mit Rotstift in einem Text etwas auszustreichen. Da ich mich aber nur noch ärgere, möchte ich für einen Moment versuchen mir vorzustellen, warum die Vortragende das Wort ausgestrichen hat. Dabei handelt es sich unbestreitbar um ein hässliches, Hass offenbarendes Wort, das im Alltag zu keinem Zeitpunkt geäußert werden darf, da es die Menschen, die mit diesem Wort bezeichnet werden, demütigt, verletzt und herabsetzt. Und das gilt umso mehr für Menschen heute, im Jahr 2016. Es verbietet sich einfach, dieses Wort zu benutzen, vor allem, wenn man weiß ist. Daran kann und darf es nichts zu diskutieren geben. Vielleicht hat die Vortragende vor diesem diskursiven Hintergrund, der, und ich wiederhole mich, richtig ist und worüber nicht mehr diskutiert werden muss, die Entscheidung getroffen, dass sie es für falsch hält, dem Wort eine öffentliche Bühne zu bieten, um nicht Gefahr zu laufen, zu seiner Verbreitung beizutragen (was im gegebenen Kontext in hohem Maße unwahrscheinlich gewesen wäre). Ein solches Vorgehen erscheint löblich, nimmt es doch Rücksicht auf die Gefühle der Zuhörer und zeugt von einem Verantwortungsgefühl gegenüber dem Gebrauch von Sprache, das ja heute gerne als political correctness verschrien wird.

Ich habe anlässlich Wahlerfolgs von Donald Trump die wenig originelle These aufgestellt, dass ein Teil dieses Erfolgs darauf zurückgeführt werden könne, dass Trump sich als Verkünder von unangenehmen Wahrheiten inszenieren konnte, indem er sprachliche Tabus verletzt oder eben die Grenzen angemessenen Sprechens bewusst überschritten hat. Darüber hinaus habe ich dafür geworben, dass man bestimmte Äußerungen (wohlgemerkt nicht Trumps) nicht sofort mit empörter Schnappatmung belohnt, weil sie durchaus als Witz gemeint sein können (oder schlicht unbedacht gewesen sind), sondern ihnen mit souveräner Gelassenheit begegnet, indem man darauf hinweist, dass X nicht lustig bzw. Y einfach dumm gewesen ist. Ich denke, beide Punkte sind auch jetzt noch richtig, allerdings erscheint es mir, nachdem sich eine Reihe deutscher PolitikerInnen aufgerufen gefühlt hat, das Ende der Political Correctness zu verkünden, wichtig, meinen Punkt zu präzisieren.

Kommen wir auf meine Anekdote zurück: Sie könnte ein Beispiel für die vielfach beschriebenen Auswüchse der Political Correctness an Universitäten sein, wo politisch korrekter Sprachgebrauch zu ›safe spaces‹ und ›trigger warnings‹ führe, wo Spaß feindliche GendertheoretikerInnen einen ›Gesinnungsterror‹ ausüben, der schlussendlich zur Vernichtung aller weißen Männer aufruft etc (weitere Hirngespinste, wobei Mann ja, um ein Hirngespinst zu haben, zuerst einmal ein Hirn haben muss, aber gut). Wer die Anekdote so verstehen will, den kann ich nicht daran hindern, möchte aber darauf hinweisen, dass Er/Sie die Anekdote falsch versteht. Natürlich handelt die Anekdote von Political Correctness und sie handelt natürlich auch von falsch verstandener Political Correctness, aber, so hoffe ich zumindest, nicht in der Art und Weise wie dauerempörte Kritiker der PC-Culture immer behaupten.

Wie angemerkt, das Vorgehen der Vortragenden erscheint löblich, ist aber in vielfacher Hinsicht schlicht falsch bzw. zeugt selbst von einen Sprachgefühl und -verständnis, das politisch nicht korrekt genug ist (und dass das Folgende mansplaining par excellence ist, ist mir bewusst, aber sometimes a man’s gotta do, what a man’s gotta do). Hier nun also die beiden hauptsächlichen Gründe: 1. Der philologisch-historische Grund: Ich sträube mich dagegen, in einen bestehenden und breit rezipierten Text (wie dem Fanons) einzugreifen, da ich kein Argument sehe, dass einen solchen Eingriff (den man durchaus Zensur nennen kann) in irgendeiner Weise rechtfertigen kann. Dass sich unser Sprachgebrauch von dem vor 50 oder 150 Jahren unterscheidet, sollte sich von selbst verstehen, so dass es wenig überraschend ist, in alten Texten auf Vokabeln zu treffen, die man heute aus guten Gründen nicht mehr verwendet. Die Streichung dieser Vokabeln löscht allerdings nicht die Tradition eines solchen Sprechens aus, sondern macht sie im Gegenteil unsichtbar. Darüber hinaus wäre es doch überlegenswert und der Geschichtlichkeit des Textes angemessen, die Frage zu stellen, warum Fanon dieses Wort benutzt hat. Was heißt es für einen schwarzen Autoren sich selbst und alle anderen als ›Neger‹ zu bezeichnen? Dass der schwarze Autor über kein anderes sprachliches Mittel verfügte, um über den Rassismus des Westens zu sprechen, erscheint mir ein interessanterer und zugleich bedrückenderer Punkt zu sein, als die Notwendigkeit heutigen Sprachkonventionen (die ihre guten Gründe haben) entsprechen zu wollen. [Digression: Ich frage mich, wie die Vortragende mit einem Text wie Achille Mbembes Kritik der schwarzen Vernunft umgeht, ja umgehen kann, in dem das Wort ›Neger‹ immer wieder vorkommt, und zwar als präzise das Andere, das europäische Subjektkonzeptionen seit Kant immer wieder ausschließen mussten, damit das Subjekt blütenweiß bleibt, mitsamt aller grausamen politischen, ökonomischen und sozialen Folgen.] Die Digression führt mich zu meinem zweiten Punkt (den man polemisch nennen darf): Auf welcher Grundlage streicht eine Weiße das Wort ›Neger‹ aus dem Text eines schwarzen Autoren heraus? Ist das nicht ein wenig herablassend oder bevormundend? Zudem schien der Kontext dieser wissenschaftlichen Tagung nicht die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens zu bedingen, da das Publikum zur Hauptsache aus linken Geisteswissenschaftlern bestand, denen man (einen Teil kenne ich persönlich) keinen Hang zum Gebrauch dieses Wortes unterstellen sollte. Um es kurz zu machen, die Vortragende scheint noch an die magische Kraft eines Wortes zu glauben, so dass man es nur aussprechen müsse und schon geschehe Übles in der Welt. Was die Vortragende vergessen hat ist, dass Sprache und schon gar nicht einzelne Worte ohne den Kontext funktionieren, in dem sie stehen oder geäußert werden. Man schafft Rassismus nicht aus der Welt, indem man historische Texte korrigiert, also buchstäblich Geschichte umschreibt. Viele interessante Ideen sind umgeben von Schwachsinn, allerdings ist dieser Schwachsinn auch historisch. Kant etwa (um sein Beispiel noch einmal zu bemühen) begründet nicht nur die moderne Subjektphilosophie neu, er vollzieht diese Neubegründung auf dem Rassismus, der Misogynie und dem Chauvinismus seiner Zeit. Kant war ein Rassist, das aber sollte nicht schockieren, da das 18. Jahrhundert nun mal rassistisch war, daran werden auch Streichungen nichts ändern. Das ist eigentlich auch uninteressant. Interessant daran ist vielmehr die Frage, ob sich ideengeschichtlich nachweisen ließe, ob und wenn ja, wie Kants Neubegründung der Subjektphilosophie dazu beigetragen haben könnte, ein rassistisches Programm fortzuschreiben, mit dessen Hilfe Herrschaftsansprüche weißer Männer bis in die Gegenwart gesichert werden konnten. Und weshalb vielleicht auch schwarzen Männern und Frauen nur die Möglichkeit blieb, von sich als ›Neger‹ zu sprechen. Das wäre ein politisch korrekter Umgang mit Sprache.

Und für die, die sich ein Ende der Political Correctness wünschen: PC schränkt den Sprachgebrauch durchaus ein, das soll sie auch, sofern man mit Sprache andere Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Ethnie oder ihres sozialen Status diskriminieren will. Wer das Ende von PC herbei sehnt, sollte sich einmal fragen, was er eigentlich wirklich sagen möchte und ob das wirklich etwas ist, was gesagt werden sollte.

Bildfolgen im Dunkeln SECKS

Ursprünglich hatte ich vor, einen völlig prätentiösen Einstieg in den folgenden Eintrag zu wählen, so nach dem Motto: Kino gleich Traumfabrik, Horrorfilme gleich Albtraumfabrik. Da mir aber beim Gedanken daran die Gicht in die Finger zu schießen drohte, unterlasse ich es (führt ja doch nirgendwo hin…) und lese noch einmal das Ende des letzten Bildfolgen-im-Dunkeln-Eintrags und stelle fest: Rob Zombie zum damaligen Zeitpunkt, Rob Zombie auch heute. Damals äußerte ich die Hoffnung: „Ach ja, 31, der neue Film von Rob Zombie, schafft hoffentlich den ungeschnittenen Weg in deutsche Lichtspielhäuser.“ Und was soll ich sagen? Ungeschnitten wohl nicht (immerhin musste die ursprüngliche Fassung bereits für die MPAA dreimal schnitttechnisch angepasst werden), aber dennoch mit Karacho ins deutsche Kino geschafft (voraussichtlich für kurze Zeit). Also, Mittwoch, 23 Uhr, Cinemaxx Essen, 8,90€, ich und sechs weitere ZuschauerInnen (und wer jetzt denkt, dass unter der Woche in der Nacht nur Nerds ins schmierige Lichtspielhaus gehen, sollte zwei Mal nachdenken [welch shittiger Anglizismus], da das Publikum nicht aus normaleren Leuten hätte bestehen können, so dass ich der Nerd war [immerhin war ich alleine ins Kino gegangen]). Doch genug der Umstände, hier der passgenau Bierdeckel große Inhalt: Fünf Schausteller (2 Frauen, 2 Afro-Amerikaner und 1 weißer Mann) werden am 31. Oktober 1976 von einer Gruppe maskierter Handlanger entführt, um an einer von drei reichen, Pompadour-Klamotten tragenden Finsterlingen organisierten Menschenjagd teilzunehmen. Die Jäger sind in diesem Fall (wie passend für dieses Jahr) verschiedene Typen von Clowns. So wenig, so effektiv, ein grotesker Karneval, währenddessen The Most Dangerous Game und Running Man heftig kopulieren und am Ende 31 als etwas stumpfer, aber herzlicher Nachkommen geboren wird. Und wer sich jetzt beschwert, dass dieser Inhalt nicht nur banal sei, sondern altbekannt, da aus unterschiedlichen Versatzstücken zusammengenäht, dem sei zugestimmt, doch sehen alle Filme des Herrn Zombie so aus und ich mag das. Darüber hinaus erfüllt der Film als Horrorfilm seinen Zweck, da die Palette an grausamen Schlachtungen sich sehr sehen lassen kann, mit dem Unterschied zu den meisten anderen filmischen Hackereien, dass der Film nicht darin schwelgt, sondern Gewalt auf eine Weise  inszeniert, dass man sich unwohl fühlt. Und wer will, kann in dem Film auch eine politische Allegorie sehen (vgl. etwa hier: http://www.rogerebert.com/reviews/31-2016). Alles gut also in Zombie-Land und um vieles besser als das, was DIE ZEIT einem anbietet. Über den neuen Film von Jim Jarmusch schreibt Sabine Horst: „Auch das ist Amerika: Jim Jarmusch hat einen wunderbar lyrischen Film über einen Busfahrer in der Provinz gedreht. ›Paterson‹ ist eine Liebeserklärung an das Alltägliche.“ Also bitte, wer tippt denn so etwas ernsthaft noch in die Tastatur? Man wird es Kulturjournalisten nicht mehr beibiegen können, dass ›wunderbar lyrisch‹ eine absolut nichtssagende Quatschformulierung ist. Was soll denn das heißen? (ich befürchte ja, ›lyrisch‹ ist ein anderes Wort für eine spezifische Form von ›sophisticated boredom‹…) Dann soll dieser Film eine ›Liebeserklärung‹ sein? Was diese Zeilen sind, ist Schriftmüll gewordene Formulierungsfaulheit! Und seit wann kennen ZEIT-Journalisten ›das Alltägliche‹ einer provinziellen Busfahrer-Existenz? FUCK! Gegenüber dieser Art von Kultur-Journalismus nimmt sich ein Film wie 31 in seiner Ungehobeltheit und Drastik wie die legitime Defäkation auf dem Altar der mit einem großen K geschriebenen Kultur aus. ÄXTE, KETTENSÄGEN, KANNIBALISMUS, LILIPUTANER-NAZIS, da lacht das Herz. Das einzige Manko des Films ist die deutsche Synchronisation. Warum macht man sich die Mühe, einen Film zu synchronisieren, den vielleicht fünfzehnhundert ZuschauerInnen in ganz Deutschland sehen WOLLEN? Zudem sind Zombies Filme (vielleicht mit der Ausnahme von Lords of Salem) dialoglastig und um diese Dialoge wertschätzen zu können, muss man sie im Original hören (jede eigenwilige Intonation und/oder Sprachfärbung wird vollkommen ausradiert…). Kurz, wer die Gelegenheit hat, den Film zu sehen, sollte dies tun. 31 ist der Gegenwart merkwürdig angemessen.