Bildfolgen im Dunkeln VII

Das Folgende ist nichts für schwache Gemüter oder schwache Mägen… (einen Spoiler Alert gibt es nicht, da die Gegenstände zwei Jahre alt und älter sind, und darüber hinaus gibt es nur wenige Personen, die diese Filme sehen werden, geschweige denn sehen möchten…)

Man stelle sich folgenden sales pitch für eine Filmfinanzierung vor: „Haben Sie sich jemals gefragt, was die schlimmste Strafe für einen Kinderschänder wäre? Würde man seinen Mund an den Anus eines fetten LKW-Fahrers nähen.“ Aus dieser peinlichen Rachefantasie (die merkwürdigerweise gerade auch LKW-Fahrern Einiges zumuten würde, als hätten diese etwas Schlimmes getan) hat der niederländische Filmemacher Tom Six seine mehr oder minder berüchtigte Film-Trilogie zusammengedreht: The Human Centipede I (The First Sequence), The Human Centipede II (The Full Sequence), The Human Centipede III (The Final Sequence). War der erste Teil noch Gegenstand nervöser Medienaufmerksamkeit – mit allem was dazugehört: empörten Journalisten, besorgten Pädagogen, lustigen Late-Night-Talkern (für letzteres hier klicken: https://www.youtube.com/watch?v=Hlo49fvZ0L8 ) – ließ das Interesse an den Teilen II und III außerhalb der Gemeinschaft der Freunde filmischer Geschmacklosigkeiten merklich nach. IMDB verzeichnet demnach auch einen rapiden Bewertungsabfall von ursprünglich grandiosen 4,4/10 für Teil I zu 2,9/10 für Teil III. So weit, so gut.

Doch stellt man immer wieder die Frage, warum schaut man sich so etwas an? Oder, genau so häufig, allerdings weniger berechtigt, warum dreht jemand solche Filme? Der zweiten Frage lässt sich entgegenhalten, dass solche Filme, wenn schon kein künstlerischer Wert (was auch immer das sein mag) festzustellen ist, immerhin als Ausdruck der weitreichenden Toleranz unserer Gesellschaften verstanden werden können, geschützt durch Prinzipien wie Meinungsfreiheit und/oder Freiheit der Kunst. Die erste Frage ist weniger einfach zu beantworten, denn die Filme sind als Genre-Filme schlecht, wenig unterhaltsam und höchstens wegen ihres Schock- und Ekelpotentials irgendwie als Genre-Filme zu rechtfertigen. Darin ähneln die Centipede-Filme Heranwachsenden, die sich gegenseitig darin übertrumpfen wollen, mehr auszuhalten und einfach krasser zu sein als der Nebenmann (und Mann ist hier das Schlüsselwort). Eine Haltung, die nicht lebensbestimmend werden sollte.

In einem früheren Eintrag bin ich bereits auf den ersten Teil eingegangen, der eine krude Mischung aus Mad Scientist und Body-Horror bietet, jedoch darauf verzichtet, diese an sich vielversprechenden Genreanlagen (man denke etwa an David Cronenbergs Filme) irgendwie angemessen umzusetzen. Teil II ist dann ein schönes Beispiel für die Eskalationslogik, die die Entwicklung von Horrorfilm-Sequels bestimmt, garniert mit einer Reihe von Tabubrüchen (Tod eines Babys, Penetration mit Stacheldraht, Wichsen mit Schmiergelpapier und, natürlich, einem längeren menschlichen Tausendfüßer-Gebilde, geboren aus den sexuellen Gewaltfantasien eines Mannes, der nicht ganz rund läuft), die durch eine fade Handlung erzählerisch zusammengehalten wird (nicht unähnlich einem Porno). The Human Centipede III (The Final Sequence) versucht sich dann, wenig überraschend, an der nächsten Eskalationsstufe, indem der Film nicht nur einen noch längeren Centipede zeigt (gebaut aus den Insassen eines Gefängnisses, das irgendwo im US-amerikanischen Süden liegt [wahrscheinlich Texas]), sondern vor der großen Enthüllung wiederum eine Reihe von Gewaltakten und Tabubrüchen (Folter mit heißem Wasser; einem Häftling wird eine Pistole in den künstlichen Darmausgang geschoben, um ihn zu erschießen; die Sekretärin wird mehrfach sexuell misshandelt etc.) präsentiert, die ›krass‹ sein sollen, woraufhin zu guter Letzt sogar noch die Human Caterpillar als weitere Innovation gezeigt wird. Da dieser Film ja das Ende der Trilogie markiert, wurden sämtliche ›Qualitäten‹ der ersten beiden Teile noch einmal reaktiviert, inklusive der beiden Hauptdarsteller aus I und II, die hier eine Art psychotisches Laurel-und-Hardy-Duo bilden, das man Superdick und Superdoof nennen könnte. Während Laurence R. Harvey, der den Protagonisten aus Teil II gespielt hat, nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht ist (zumindest im Rahmen dieses durch und durch schlechten Films), stellt die schauspielerische Performance von Dieter Laser (Dr. Heiter aus Teil I) das wirkliche Desaster des Films dar. Wenn man nach einem Beispiel für Method-Acting als Over-Acting sucht, dem sei THCIII als Anschauungsmaterial empfohlen. Bereits die ersten Bilder des Films legen die Figur Lasers als jemanden fest, der nicht alle Nadeln an der Tanne bzw. alle Tassen im Schrank hat, und jede Geste, jedes Wort weisen die Superanstrengung auf, den Zuschauer auch nicht für einen Moment daran zweifeln zu lassen, dass man es hier mit einem wirklich unverbesserlich bösen Menschen zu tun hat. Das hat den Effekt, dass man die Anstrengungen Lasers höchstens als lächerlich ermüdend empfindet, so sehr soll dem Zuschauer klar sein, hier ist jemand wirklich pathologisch verrückt. (Dass der Film auch noch den unverbesserlich unermüdlichen Eric Roberts aufbietet, ist nochmal eine Geschichte für sich…) Nun könnte man argumentieren, dass Lasers Performance im Kontext dieses Films, der zu keiner Zeit vorgibt, nicht over-the-top, comichaft oder satirisch-lustig sein zu wollen (und hier sein eingeschoben, dass der Film keine Satire ist und auch das Bisschen Sozialkommentar zu Rassismus, Haftbedingungen in den USA etc. nur das Werk eines geschickten Interpreten wäre und keinesfalls ein Verdienst des Films), genauso over-the-top, comichaft oder satirisch-lustig gemeint sei. Weit gefehlt: Laser ist einfach schlecht, genauso wie der Film einfach schlecht ist (und auch das sei hier noch eingeschoben: der Film ist auch kein Trash, sondern wirklich einfach kacke, so wie ein Haufen Scheiße auch nur ein Haufen Scheiße ist).

„Warum schaust du dir den Film trotzdem an?“, fragt niemand. Meine Antwort könne schlicht lauten: Wegen der Vollständigkeit. Eine längere Antwort: Weil man anhand solcher Filme lernt bzw. lernen kann, aus welchem Grund Filme funktionieren. Filme wie die THC-Trilogie bilden den Hintergrund für die Bewertung von anderen Filmen, besseren Filmen. Wenn man sich sein Leben lang nur Kunstfilme anschaut, besitzt man keinen glaubwürdigen Maßstab, um andere Filme zu beurteilen (was im Hinblick auf Film als populäre Kunstform zu merkwürdigen Einschätzungen führt). Denn, und das ist meine Befürchtung, eine Performance wie die von Dieter Laser könnte in einem anderen Kontext als irgendwie ironische Brechung von Schauspielmythen wahrgenommen werden, was sie schlicht nicht ist.

Tonfolgen Pop und Politik

Dass Popmusik politische Inhalte transportieren kann, wird niemand bestreiten, der jemals Rage against the machine gehört hat (oder, um an das andere Ende des politischen Spektrums zu gehen, Skrewdriver). Unglücklicherweise gelingt das Experiment, einer politischen Botschaft durch musikalische Umsetzung ein größeres Publikum zu eröffnen, nur in seltenen Fällen (oder eben auch glücklicherweise, da Nazimucke so unglaublich schlecht ist). Meistens bleibt eindimensionale, akustische Agit-Prop-Scheiße zurück. Und, im Fall derjenigen, die das politische Pophäufchen produziert haben, hoffentlich Scham.

Dass gut gemeint, selten gut gemacht nach sich zieht, mögen die beiden folgenden Beispiele illustrieren und ich fordere jede/n Leser/in heraus, den akustischen Dreck bis zum Ende zu hören (falls man übrigens noch nach Gründen sucht, warum Hillary Clinton die Präsidentschaftswahl gegen einen sprechenden Kürbis verloren hat, es ist nicht unwahrscheinlich, dass Lena Dunham und Le Tigre durchaus verantwortlich sind [und ja, trotz des ironischen Grundtons bei Lena Dunham])

„Viel“ „Spaß“ „!“

https://www.youtube.com/watch?v=H51HuNX41Fg

https://www.youtube.com/watch?v=vLGFyxAP0QE

 

(Ohne The Needle Drop hätte ich diese beiden Shitnuggets nicht gefunden…)

Nachtrag zu Buchstabenfolgen XI

(Da sich zwei Kollegen die Mühe gemacht  und die Zeit genommen haben, den gestrigen Post auf Facebook zu kommentieren [auch wenn es sich streng genommen bei dem einen Kommentar um einen Meta-Kommentar zu dem ersten Kommentar handelt], möchte ich heute kurz auf beide eingehen; da wir wohl alle auf der gleichen Seite stehen, somit nicht grundsätzlich verschiedener Meinung sind, sollte das mit dem Kurzhalten nicht allzu schwierig sein)

Als Kommentar zum gestrigen Post wurde angemerkt, dass wohl auch die Medienproduktion einer paranoiden oder paranoischen Logik folge, wodurch ich am Ende meines Posts noch einmal den Bogen zum Anfang hätte schlagen können. Der weitergehende Kommentar zu diesem Kommentar stimmte dahingehend nicht zu, dass die Medienproduktion wohl schlicht einer marktwirtschaftlichen Logik folge, um Klickzahlen zu generieren. Problematisch daran sei, so der Kommentar weiter, dass die Medien auf diese Weise das Spiel Trumps mitspielten anstatt über ›wichtige‹ Dinge zu berichten, die reale Konsequenzen zeitigten. Beide Positionen erscheinen mir als Anmerkungen plausibel, wobei ich zwischen beiden keinen Gegensatz ausmachen würde. Let me explain:

In einer weniger nachrichtenhektischen Zeit konnte Jerry Seinfeld noch folgenden Witz machen (und ich entschuldige mich für die Paraphrase eines Witzes, die natürlich die Pointe des Witzes verfehlen muss): Beim Anblick einer Zeitung verwundere ihn immer, dass sich täglich genau soviel ereigne, wie in der Zeitung auftauche; es gebe nämlich keine letzte Seite einer Zeitung, die bis auf eine Meldung oben links vollkommen leer bleibe. Man kann an diesem Witz ermessen, wie sehr sich die Medienproduktion geändert hat. 24-hours-news-cycles können nicht davon absehen, dass vielleicht einmal nichts passiert; sie müssen ihr Programm füllen und so werden aus Mücken Elefanten bzw. aus einem Händedruck eine Nachricht gemacht. Damit liegt der Schluss nahe, dass Nachrichten warenförmig geworden sind (wobei sie das auch in früheren Zeiten schon gewesen sind), allerdings ist die Notwendigkeit zur Produktion als Nachricht als Ware erheblich dringender geworden (Stichwort marktwirtschaftliche Logik, Klickzahlen etc.). Wenn also ökonomische Parameter darüber entscheiden, was eine Nachricht ist bzw. dafür gilt, kann man sich fragen, warum das so ist. Und an dieser Stelle würde ich gerne die paranoide oder paranoische Logik stark machen. Folgt man nämlich der Einsicht Luhmanns, dass Medien sich gegenseitig beobachten, dann kann man schließen, dass es im Grunde nicht darauf ankommt, eine Nachricht zu produzieren, sondern darauf eine Nachricht als erster zu produzieren, um auf diese Weise das Tagesthema bestimmen zu können und die Konkurrenten dazu zu bringen, dass diese sich auf eben die eigene Nachricht beziehen müssen, und zwar unabhängig davon, ob man ihr zustimmt oder dagegen argumentiert (nicht zuletzt darin liegt der Erfolg eines Unternehmens wie FOX News begründet). Zwischen marktwirtschaftlicher und paranoischer Logik besteht demnach kein sich ausschließender Gegensatz, sondern ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis (Fun fact: Wenn man sich nun unbedingt fragen möchte, wer hier Huhn und wer Ei gewesen ist, dem sei die Groteske Anchorman 2 ans Herz gelegt, der bemerkenswerterweise eine recht plausible Darstellung über die Gründe für dieses Bedingungsverhältnis liefert).

Wie aber mit dieser Form der Produktion von Nicht-Nachrichten umgehen? Ist denn die Händeschüttelei von Trump nicht viel unwichtiger als etwa die Finanzierung oder Durchsetzung der neuen Krankenversicherung? Trübt einem nicht die Nebelkerze, die Trump gezündet hat, den Blick für die eigentlich relevanten Dinge? Natürlich tut sie das und natürlich könnte man darüber nicht berichten (und in der jetzigen Form sollte man es vielleicht auch unterlassen). Man könnte aber auch den gegenteiligen Weg einschlagen und anhand des Händedrucks versuchen, diesen gesamten Komplex zu analysieren, zeigen, warum die Medien sich darauf stürzen, zeigen, warum genau das im Interesse Trumps liegt, zeigen, welche Logiken bei der Produktion und Verbreitung von Nachrichten wirksam sind. Das wäre dann aber auch etwas anderes als Nachrichtenproduktion, das wäre dann, wohl verstanden, Journalismus. Diesem aber fehlt eine grundsätzliche Währung – was niemanden überrascht und auch wirklich keine neue Erkenntnis ist: Zeit.

Buchstabenfolgen XI

Erinnern Sie sich an die Fernsehbilder von Donald Trumps Händeschüttelei? Das Thema ist kürzlich wieder hochgekommen, da Trump sich geweigert hat, die Hand der Bundeskanzlerin für ein Foto zu schütteln. Erstaunlich daran ist vieles. Zunächst einmal ist es erstaunlich, dass dieser Kleinigkeit, einem Händedruck, soviel Aufmerksamkeit geschenkt wurde (verwunderlich allerdings nicht, da Nachrichten als Warenform darauf angewiesen sind, aus Mücken Elefanten zu machen); erstaunlich auch, dass die mediale Aufmerksamkeit, die einem solchen Detail zuteil geworden ist, den Mechanismus, der darin zum Ausdruck kommt, schlicht übernimmt, handelt es sich doch um die Art von Machtgeste, die Männer gegenüber anderen Männern an den Tag legen, und die ein Grund dafür ist, warum man den Mikrokosmen der Firmen und Unternehmen und den dazu gehörigen semiotischen Praktiken skeptisch gegenüber treten sollte; wenig überraschend hingegen, dass Donald Trump diese Machtgeste gegenüber einer Frau unterlässt, wahrscheinlich jedoch nicht aus Höflichkeit, sondern aus Geringschätzung. Für Außenstehende hingegen, für die, die nicht Teil des inneren Kreises sind, kann dieses Gehabe bloß lächerlich wirken, wobei es wiederum erstaunlich ist, dass nicht wenige an die Substanz, an die normative Geltung dieser Form ritualisierter Breitbeinigkeit glauben, ja ein Teil davon sein wollen.

Donald Trump ist ein Relikt der 1980er Jahre. Schaut man sich die Fernsehbilder der peinlichen Händeschüttelei an, kann man kaum den Gedanken unterdrücken, dass dieser Mann (repräsentativ für viele ›mächtige‹ Männer) die Dinge wirklich glaubt, die in einem Buch wie The Art of the Deal stehen. Management-Bücher führen die Kodifizierungen eines bestimmten Verhaltens vor, das den Leser im Job erfolgreich machen soll. Wie gehe ich mit Untergebenen um? Wie mit geschäftlichen Rivalen? Dabei wird der eigene Körper zu einem bedeutungsvollen Zeichen (es ist kein Zufall, dass Trump seinen Gegenüber zu sich hinzieht), jede Geste ist sorgfältig choreographiert und mit einer spezifischen Wirkungsabsicht ausgeführt, immer geht es um die Kontrolle der Situation, um Einsätze, um Strategien (ein Grund weshalb der Titel von Trumps Buch wenig originell The Art of War anklingen lässt). Darin äußert sich, wiederum wenig subtil, die kolossale Bedeutung, die man der eigenen Existenzweise beimisst: Es geht darum Feldherr zu sein, den Feind zu überlisten, zu täuschen, und Freunde nur solange zuzulassen bis sie selbst zu Feinden werden. Gerne übersehen wird dabei, dass Krieg idealerweise einen Ausnahmezustand darstellt, während man sich die ›Business‹-Welt als kriegerischen Dauerzustand vorzustellen hat, eine Art Hobbesschen Naturzustand oder einen Darwinesken Selektionskampf um die begehrten Schätze. Es ist nur angemessen, dass Martin Scorsese die Geschichte vom WOLF of Wallstreet verfilmt hat. Die Autosuggestion, derer sich die Ratgeberbücher bedienen und die die Fiktionen über Geschäftsleute trägt, besteht nicht zuletzt darin, bestimmte Eigenschaften des Menschen als anthropologische Konstanten oder Invarianten zu behaupten. Gordon Geckos »Gier ist gut« formuliert ja nicht nur eine zweifelhafte Tugend; Gier wird vielmehr als ein Grundbedürfnis des Menschen gesetzt und passenderweise antwortet Scorseses Film Oliver Stones Film damit, dass Gier schlecht sei, aber eben dem Menschen inhärent, ein Teil seiner Natur, wodurch das kapitalistische System am Kacken gehalten werde. Die Naturalisierung der Ökonomie, vorbereitet und verbreitet durch die ubiquitäre Metapher des ›Wachstums‹, findet ihre Vollendung in der Behauptung, der Mensch könne nicht anders, es liege in seinen Genen, immer mehr zu wollen, was nicht zuletzt heißt, immer mehr als die anderen besitzen zu wollen.

Der freie Markt appelliert somit an unsere Natur und da er Wettbewerb und Rivalität fordert (und fördert und belohnt) ist er zudem in hohem Maße paranoid. Die bereits angesprochene Semiotik, die sogar den Körper als bedeutungsvolles Zeichen reproduziert, führt zu einem dauernden Prozess der Beobachtung, und zwar von sich selbst und den anderen. Der Trumpssche Katechismus, wonach man sämtliche gesellschaftlichen Felder nicht bloß wie ein ›Business‹ behandeln könne, sondern müsse, findet seinen angemessenen Ausdruck in Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho (1991). Vor allem aber stellt dieser Roman ein bemerkenswertes Beispiel für die Form dauernder und allumfassender Beobachtung dar, die konstitutiv für die, ja warum nicht?, neoliberale Wirtschaftsordnung ist. Ein Beispiel:

»The three of us, Todd Hamlin and George Reeves and myself, are sitting in Harry’s and it’s a little after six. Hamlin is wearing a suit by Lubiam, a great-looking striped spread-collar cotton shirt from Burberry, a silk tie by Resikeio and a belt from Ralph Lauren. Reeves is wearing a six-button double-breasted suit by Christian Dior, a cotton shirt, a patterned silk tie by Clairborne, perforated cap-toe leather lace-ups by Allen-Edmonds, a cotton handkerchief in his pocket, probably from Brooks Brothers; sunglasses by Lafont Paris lie on a napkin by his drink and a fairly nice attaché case from T. Anthony rests on an empty chair by our table.«

Daran schließt sich noch die Beschreibung der Kleidung des Ich-Erzählers Patrick Bateman an. Wer den Roma kennt, weiß, dass der Text mit diesen listenartigen Beschreibungen bis zur Ermüdung gefüllt ist. Interessant daran ist, dass die Beschreibung des Ich-Erzählers sich nicht darin erschöpft, die Details der Kleidung wie Farbe, Muster, Material wahrzunehmen, sondern immer auch die Marke nennt. Das aber heißt, es geht hier nicht nur um eine Beschreibung, sondern es geht um die Zurschaustellung von Wissen, um genau zu sein, eines eingeweihten Wissens. Die Wahl der Kleidung von bestimmten Designern unterliegt einem Mechanismus der Anerkennung, dass es richtige und falsche Kleidung gibt; es geht nicht allein um Aussehen, sondern um das Wissen eines spezifischen Codes oder Reglements gegen das man besser nicht verstößt, möchte man dazu gehören. Damit dieses Reglement funktionieren kann, muss man sich und andere beobachten, muss kleinste Abweichungen registrieren. Und es ist diese ständige Beobachtungssituation, die paranoid genannt werden kann. Die neue Arbeitswelt ist paranoid und dieses Verhaltensmuster in den Bereich der Politik zu übertragen ist überaus gefährlich.

PSA 30/01/2017

Falls das weltpolitische Geschehen noch nicht ausreichend Gelegenheit zum Kotzen bietet, schlage ich vor, Folgendes aufmerksam zu lesen. Und sollte noch jemand behaupten, dass es ausschließlich darauf ankomme, Schülern beizubringen, wie man das Internet benutzen solle, der möge diesen Artikel aus dem Guardian lesen https://www.theguardian.com/world/2017/jan/22/online-conspiracy-theories-feed-holocaust-denial

Die Leugnung des Holocausts, in Deutschland zu Recht unter Strafe gestellt, gewinnt, so der Artikel, immer mehr Anhänger im Internet. So schlimm, so scheiße. Nun kann man natürlich über die Gründe diskutieren und es wäre kurzschlüssig, wollte man ausschließlich das Internet dafür verantwortlich machen. Richtiger wäre es, wenn man darauf hinwiese, dass die in der Schule vermittelte Bildung nichts wert ist, vor allem und gerade auch in Hinsicht auf die Vermittlung der historisch belegten und durch die DEUTSCHEN betriebenen Vernichtung der europäischen Juden. Es gilt an dieser Stelle kurz innezuhalten und erneut auf das Offensichtliche hinzuweisen, nämlich: Das historische Geschehen der Shoah war ein DEUTSCHES Verbrechen an den europäischen Juden. Dass es stattgefunden hat, ist unbestreitbar. Dass sich politische Entscheidungsträger auf den Holocaust berufen, um gegenwärtige Entscheidungen zu rechtfertigen, ist verständlich, funktioniert aber in den seltensten Fällen (und ja, hier ist der unsinnige Superlativ von selten einmal sinnvoll). Warum? Weil die Dimension des Ereignisses, das unter dem Namen Auschwitz firmiert, keinen Vergleich kennt und weil das, wofür die Shoah steht, sich nicht wiederholen kann und wird. Wenn also Joschka Fischer in seiner Zeit als Außenminister den Kriegseinsatz deutscher Bodentruppen im Rahmen des Kosovo-Krieges 1999 mit den Worten begründet: „Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“, dann stellt sich nicht die Frage, warum er Auschwitz nennt. Als deutscher Nachkriegspolitiker instrumentalisiert er Auschwitz als moralische Stütze, um seiner Entscheidung die notwendige Autorität zukommen zu lassen. Wer würde schon ein zweites Auschwitz wollen? Dass Faschismus und Völkermord als Begründungen nicht ausreichen, um die zweifelhafte Entscheidung für einen militärischen Einsatz zu legitimieren, erscheint bemerkenswert.

Springen wir ins Heute. Vor drei Tagen war Holocaust Memorial Day und die derzeitige politische Führung der Vereinigten Staaten hat ein Statement dazu veröffentlich, in dem sie auf die Nennung von Juden, Judaismus oder Antisemitismus verzichtet hat. (bitte lesen: https://www.theguardian.com/us-news/2017/jan/27/white-house-holocaust-remembrance-day-no-jews). Das ist, euphemistisch formuliert, eine Riesendummheit und obszön in Anbetracht dessen, dass der Holocaust die Vernichtung der europäischen Juden bezeichnet. Es passt aber in einen sich langsam, aber stetig vollziehenden Deutungswandel, weg von dem DEUTSCHEN Verbrechen an den europäischen Juden hin zu einem Verbrechen an der Menschheit (dass den Nazis natürlich auch andere Menschengruppen zum Opfer gefallen sind wie Sinti und Roma, Geisteskranke und Behinderte sowie politische Gegner soll, kann und darf nicht bestritten werden). Ein solcher Deutungswandel ist gefährlich, da historisches Wissen durch eine vage Ethik des Niemals-wieder ersetzt wird, eine Ethik, die natürlich überhaupt keine Anwendung findet. Die Liste von Völkermorden im 20. und sogar im 21. Jahrhundert ist lang. Wie ekelhaft die Instrumentalisierung des Holocaust allerdings funktionieren kann, beweist Paul Ryan, seines Zeichen hohes Tier bei den Republikanern und Speaker of the House. Ich bitte darum seinen Twitter-Account aufzusuchen und die Tweets vom 27. Januar zu lesen (hier Klick machen: https://twitter.com/SpeakerRyan). Folgender Tweet findet sich dort: “On this #HolocaustMemorialDay, we remember the millions of innocent lives lost, and pledge #NeverAgain” Natürlich warden am Holocaust Memorial Day nicht die Juden erwähnt, warum auch? Wenn man das schon bescheuert und obszön findet, sollte man nicht darauf achten, von welchen Tweets der oben zitierte gerahmt wird (und wer hier an Zufall glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen). Darunter findet sich folgender Tweet: „Today, as we #MarchforLife, it’s a new dawn for the unborn”, darüber das hier: “We march to defend the rights of those who cannot defend themselves #MarchforLife #WhyWeMarch” Der Aufruf, dass man die Tötung von Millionen unschuldiger Menschen (aka Juden) erinnern und schwören solle, dass das nicht wieder geschehen wird, wird gerahmt von Pro-Life und Anti-Abortion Tweets, wodurch die industrielle Tötung der Juden mit der Abtreibung von Föten wenn nicht gleichgesetzt, aber doch assoziativ in Verbindung gebracht wird! Und ja, jetzt ist der Punkt zum Kotzen erreicht. Bitte, ich warte.

Die Gleichsetzung oder Assoziation (wobei ich eher an Gleichsetzung glaube) ist obszön. Sie beweist, dass dieser republikanische Politiker kein historisches Wissen besitzt und kein moralisches Urteilsvermögen. Den Holocaust zu instrumentalisieren, um seine politische Agenda voranzutreiben, ist falsch, besonders ekelhaft allerdings in diesem Fall, da die Frauen, die, aus welchen Gründen auch immer, abgetrieben haben, auf eine Stufe mit staatlichen Massenmördern gestellt werden. Ryan beweist, dass er keine Ahnung von der Shoah hat und das ist das Bedenkliche.

Ich empfehle Paul Ryan und allen, die den Holocaust instrumentalisieren wollen oder schlicht leugnen, die Lektüre von Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden. Es folgen Auszüge: „Der Vernichtungsvorgang war eine Kombination aus genau berechneter physischer Gewalt und psychologischer Steuerung. Jeder Schritt – von der Entladerampe bis zu den Gaskammern – wurde von den Bewachern mit einer Abfolge präziser Befehle gelenkt. […] Der erste Schritt in diesem genau vorausgeplanten Ablauf war die Benachrichtigung des Lagers vom bevorstehenden Eintreffen eines Transports. Ihr folgte der Befehl an die Wachen und Häftlinge, die an der Aktion mitwirken sollten, sich bereitzuhalten. Jeder wußte, was geschehen würde und was er zu tun hatte. Von dem Augenblick an, in dem die Türen eines Zuges geöffnet wurden, hatten seine Insassen bis auf einige Ausnahmen noch etwa zwei Stunden zu leben. […] Die von Lebenden und Toten geräumten Waggons wurden anschließend in eine Anlage gebracht, in der sie zur Entseuchung begast wurden. An einem heißen Tag öffnete ein Ladearbeiter einen Waggon und erschrak zu Tode – ihm fiel eine schwarz angelaufene Leiche entgegen. Der Waggon war voll mit Toten, die das Lagerpersonal auszuladen vergessen hatte. Nach der Entladung der Züge erfolgte eine doppelte Selektion. Alte, Kranke und gelegentlich auch kleine Kinder wurden bereits auf dem Bahnsteig ausgesondert. In Belzec mußten sich die Kranken vor einer Grube auf den Bauch legen; sie wurden erschossen. In Sobibor, wo Alte und Kinder auf Lastwagen verladen wurden, versuchten die Wachen ab und zu, die Säuglinge aus einiger Entfernung auf die Ladefläche zu werfen. In Treblinka wurden diejenigen, die nicht mehr gehen konnten, zur Erschießung zu einer Grube in der Nähe des Krankenreviers gebracht. Von der ersten Auschwitzer Rampe wurden die Alten und Kranken auf Lastwagen zu den Gaskammern gebracht. […] Vor Weihnachten 1944 wurden 2000 jüdische Frauen in Block 25 gesteckt, der eigentlich nur für 500 Häftlinge gedacht war. Dort blieben sie zehn Tage eingesperrt. Durch eine Öffnung in der Türe schob eine Feuerwache Suppenkessel. Nach zehn Tagen waren 700 tot. Die übrigen wurden vergast. […] Wenn die Opfer von Auschwitz nacheinander die Gaskammer betraten, entdeckten sie, daß die vermeintlichen Duschen nicht funktionierten. Draußen wurde der Hauptschalter betätigt, um die Beleuchtung abzustellen, und ein Rot-Kreuz-Wagen mit dem Zyklon fuhr vor. Ein SS-Mann, der eine Gasmaske trug, die mit einem Spezialfilter versehen war, hob den Glasverschluß über einem vergitterten Schacht ab und schüttete einen Zyklon-Kanister nach dem anderen in die Gaskammer. […] Auf der Flucht vor dem aufsteigenden Gas stießen die Stärkeren die Schwächeren nieder und stellten sich auf die Liegenden, um gasfreie Luftschichten zu erreichen und so ihr Leben zu verlängern. Der Todeskampf dauerte etwa zwei Minuten; dann hörte das Schreien auf, und die Sterbenden fielen übereinander. Innerhalb von fünfzehn (gelegentlich auch fünf) Minuten waren alle in der Gaskammer tot. Nun ließ man das Gas entweichen, und nach etwa einer halben Stunde wurde die Tür geöffnet. Die Leichen fanden sich turmartig aufgehäuft, manche in sitzender oder halbsitzender Position, Kinder und ältere Menschen zuunterst.“

 

PSA 27/01/2017

Heute Politik: Im jahr 2008 ereignete sich eine bizarre Szene: Nach der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde auf der Arbeit Sekt ausgeschenkt, endlich war Jorge Dabbel-Ju abgewählt und eine bessere Zeit würde anbrechen. Ist danach eine bessere Zeit angebrochen? Zum Teil sicherlich. Innenpolitisch konnte die Obama-Administration nicht nur eine allgemeine Krankenversicherung durchsetzen (known as Obamacare or Affordable Care Act), auch die Stärkung der Rechte der LGBT-Community sowie die Institutionalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe können als große Erfolge von Obamas Regierungszeit gezählt werden. Auch, und das ist wichtig, sollte der Einsatz Obamas und seiner Regierung in ökologischen Fragen nicht unberücksichtigt bleiben, selbst wenn auf diesem Gebiet immer mehr zu schaffen wäre als avisiert wurde. Nach dem dunklen Zeitalter der Bush-Regierung mit ihrer ekligen Rhetorik, ihrer Befürwortung von Foltermethoden sowie den Kriegen im Irak und in Afghanistan würde endlich wieder eine menschenfreundlichere Politik von den USA ausgehen.

Angesichts der shitshow, die der Donald während seines Wahlkampfes begonnen hat und nun nahtlos in seiner Präsidentschaft weiterführt, erhält diese Sicht auf Obamas Jahre als Präsident zusätzlichen Glanz. Gerade wenn man sich die rhetorischen Fähigkeiten des Donalds vor Augen führt, weint man Obama bittere Tränen nach. Fraglich bleibt allerdings, ob man Barack Obama auch politisch nachweinen sollte. So beeindruckend sich die Erfolge ausnehmen (gerade auch gegen den Widerstand gedankenloser und nicht selten hasserfülletr Republikaner durchgesetzt), man sollte nicht vergessen, wofür die amerikanische Regierung unter Obama auch gestanden hat: keine Schließung von Guantanamo, den Einsatz von Drohnen zur Kriegsführung, keine dauerhafte Regulierung der Banken, ein TTP-Abkommen, das zahlreiche Standards des Verbraucherschutzes ausgehebelt hätte. Als Nicht-Amerikaner kann man die amerikanische Außenpolitik der Obama-Jahre nur bedingt gutheißen und einer Fortführung dieser Politik unter Hillary Clinton hätte man nicht zustimmen mögen. Sowohl Obamas als auch Clintons Außenpolitik wurden bzw. würden von einem ähnlichen Glauben an american exceptionalism getragen wie die Politik des Donalds, mit dem Unterschied, dass die amerikanischen Bürger gerade bemerken, was heißt, wenn der Glaube an die Außergwöhnlichkeit Amerikas innenpolitisch und wahrscheinlich zum Schaden von tausenden von Menschen zum Tragen kommt.

Was mich persönlich immer am meisten an der Obama-Regierung gestört hat, ist der scheinbar unideologische Pragmatismus, der Obama am ehesten vergleichbar mit Angela Merkel macht. ich schreibe scheinbar, weil das in verschiedenen Reden immer wieder von ihm wiederholte Credo, wonach sich die Menschen nur anstrengen müssten, dann würden sie auch belohnt, Obama, vor allem aber die demokratische Partei blind gemacht hat für die realen systemischen, öknomischen und ethnischen Verwerfungen ihres Landes. Zugleich hat diese Form des Pragmatismus, die meritokratische Ideologie, ein Vakuum geschaffen, in dem sich populistische Bewegungen etablieren und zu gefährlichen politischen Akteuren werden konnten. Politik aber kommt ohne Ideologie nicht aus, sofern man darunter so etwas wie eine Vision für eine andere (hoffentlich bessere) Gesellschaft versteht (etwas, was der deutschen Sozialdemokratie effektiv durch Helmut Schmidt ausgetrieben worden ist, weshalb sie jetzt auch verdientermaßen um die 20% Wählerzuspruch erhält). Sofern Meritokratie dafür steht, dass der Einzelne durch ausreichenden Leistungswillen gesellschaftlichen, ökonomischen Erfolg verdient, erscheinen Erwägungen darüber, wie sich dieser Leistungswille äußert oder inwiefern die eigene Leistung zum Gelingen gesellschaftlichen Zusammenlebens beiträgt, zweitrangig. Von Rechts hört man, wie ein Land aussehen soll, indem auf bessere, vergangene Zeiten hingewiesen wird, die man zurückhaben wolle. Von Links hört man nichts, oder zumindest nichts, was eine Diskussion wert wäre. Es ist Zeit, dass sich daran etwas ändert.

Buchstabenfolgen X (mit einem nicht geringen Anteil über Bildfolgen, da das Beispiel im Folgenden vor allem ein Comic ist)

Am vergangenen Wochenende an einem Workshop teilgenommen und währenddessen einen Vortrag über Fanfiction gehört. Nun bin ich durchaus Fan von vielen Dingen, aber auf die Idee, etwas zu schreiben, was in einem lange etablierten, fiktiven Universum spielt, bin ich bislang nicht gekommen. Das mag an meinem Desinteresse an der Gattung liegen, die in ästhetischer Hinsicht nur vereinzelt überzeugen vermag. Allerdings interessiert mich der Mechanismus des Weitererzählens anhand bekannter Versatzstücke und in der Diskussion des Vortrags wurde die Frage gestellt, ob es bestimmte Erzählungen, die sich besser eigneten als andere. Die Antwort des Vortragenden überzeugte mich nicht völlig, aber während der Diskussion hatte ich auch kein besseres Angebot (man ist ja manchmal vernagelt). Beim weiteren Nachdenken auf der Heimfahrt und zu Hause stellte ich mir wiederholt die Frage, welches Element die Geschichten von Sherlock Holmes, Harry Potter, 50 Shades of Grey oder eben Batman (sämtliche Beispiele aus dem Vortrag) miteinander verbinden würde. Ich hatte mir bereits während des Vortrags die Notiz „Mythos/mythisches Erzählen“ gemacht und ich glaube nun, dass damit eine plausible Antwort gegeben werden kann. In vergleichbarer Weise wie die antiken Mythen, die etwa im griechischen Drama wiederholt dargestellt wurden, sind die einzelnen narrativen Elemente der jeweiligen Erzählung bekannt und können somit als Fundus bei den Lesern vorausgesetzt werden. Es liegt demnach an der relativen strukturellen und narrativen Einfachheit, die eine Rekombination immer wieder ermöglicht, eine Einfachheit, die hier nicht wertend gemeint ist, etwa im Gegensatz zu komplexer Hoher Kunst bzw. Literatur (wobei man natürlich festhalten kann, dass es etwa keine Fanfiction [zumindest in irgendeinem nennenswerten Ausmaß] zu Prousts Recherche oder Kafkas Das Schloß gibt). Ein Beispiel, das mir nahe liegt, ist die mythische Erzählung von Batman (die Comics als solche zu bezeichnen ist natürlich nicht besonders originell, hat Umberto Eco bereits mit Superman gemacht; zugleich bin ich kein Experte für Batman, auch da gibt es Leute, die über mehr Expertise verfügen), jedoch bin ich ein Fan von Batman (wofür es wahrscheinlich irgendwelche psychologischen Gründe gibt, die hier zu entfalten weder mich noch etwaige Leser interessieren dürften). Zu den grundlegenden narrativen Merkmalen gehören etwa die Geschichte vom gewaltsamen Tod von Bruce Waynes Eltern und der darauf folgende Entschluss, selbst zum Jäger zu werden, sowie die verschiedenen Fehden mit den zahlreichen bunten, larger-than-life-Kriminellen. Damit ist ein weiteres strukturelles Element genannt, nämlich das gleichermaßen große und doch beschränkte Personal, das immer wieder zum Einsatz kommt (nicht anders verhält es sich mit dem Personal in antiken griechischen Dramen, das sowohl bekannt ist als auch variiert eingesetzt wird, d.h. in unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen immer wieder vorkommt [vgl. etwa die Figur der Medea bei Euripides, Seneca und Ovid sowie dann später bei Pasolini oder Christa Wolf]). Im Falle von Batman gibt es darüber hinaus als narratives Schema die klassische Detektivgeschichte (und wenn Zack Snyders gar nicht so guter Batman vs. Superman eine Sache richtig gemacht hat, dann dass der Film Batman als jemanden zeigt, der angewiesen ist auf sein technisches Wissen, etwa so wie es auch Sherlock Holmes ist). Dabei leistet, wenn ich den Informationen aus dem genannten Vortrag vertrauen kann, Fanfiction mehr bzw. anderes als die professionellen Erzählungen der kommerziellen Autoren, indem sie die genannten Elemente verwendet und stellenweise gegen den Strich liest (so etwa die zahlreichen homosexuellen Darstellungen der Beziehungen zwischen Holmes und Watson oder Batman und Robin). Da kommerzielle Popkultur tendenziell konservativ ist, da sie nicht darauf verzichten kann, Leser für ihre Produkte zu gewinnen, oder richtiger zu behalten, sind allzu gewagte inhaltliche oder formale Experimente schwieriger durchzusetzen (was natürlich nicht heißt, dass sie unmöglich sind, nur unwahrscheinlicher, wobei die Verlagsindustrie dazu gelernt hat). Aber bedenkt man die Diskussionen, die inhaltliche und formale Experimente mit bekanntem Ausgangsmaterial nach sich ziehen können und nach sich gezogen haben, dann kann man sich des Eindrucks einer tendenziell konservativen Haltung zu den Dingen auf Seiten der Fans nicht erwehren. Ob diese Art des Konservativismus womöglich männlich kodiert ist, vermag ich nicht zu beurteilen (eine Ahnung sagt mir, wahrscheinlich ja), ob dieser Konservativismus auch eine politische Färbung enthält, ist eine weitergehende interessante Frage, die ich dieses Mal eindeutig mit Ja beantworten würde. Die Reinheit eines Textes zu behaupten und bestimmte Aneignungsweisen eines solchen Textes zu verdammen, läuft auf Ausgrenzung hinaus und die gilt es zu vermeiden. Wenn Fanfiction nicht als ästhetisches Phänomen interessant ist, ist sie es als soziologisches, indem sie andeutet, wie mit kulturellen Dingen umgegangen werden kann. Solange Fanfiction sich aber ausschließlich an Popkultur abarbeitet, bleibt sie selbst marginal, eingeschlossen in die Kreise, die von der Notwendigkeit, der Richtigkeit und der bloßen Möglichkeit sowieso überzeugt sind.